Kaiser ohne Land

Wie Wilhelm II. im Exil noch verzweifelt Herrscher spielte
Wilhelm II.
Foto: dpa/Jens Wolf

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges lebt Wilhelm II. fast ein Vierteljahrhundert im  niederländischen Exil. Der Journalist Rainer Clos hat Haus Doorn besucht.

Noch einmal wärmt unter strahlend blauem Himmel die Sonne den großzügigen Park – in der niederländischen Kleinstadt Doorn, östlich von Utrecht gelegen, herrscht wahrlich „Kaiserwetter“. Besucher, einzeln oder in kleinen Gruppen, sind unterwegs auf Alleen und Wegen des im 19. Jahrhundert nach englischem Vorbild angelegten Landschaftsgartens, der ein elegantes Landhaus umgibt.

Haus Doorn erscheint auf den ersten Blick wie ein Ausflugsziel unter vielen im Utrechtse Heuvelrug, wie der mit viel Wald, Heide und Weiden durchsetzte Landstrich genannt wird. Bei protestantischen Adels- und wohlhabenden Bürgerfamilien aus Amsterdam und Utrecht war das ländliche Gebiet als Rückzugsort und Sommerfrische beliebt. Was Haus Doorn allerdings abhebt von den zumeist im Grünen versteckten Landhäusern und Schlösschen, ist der Umstand, dass mit dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. eine Figur der Weltgeschichte zeitweilig Schlossherr war. Am Ende des Ersten Weltkrieges floh der Monarch an einem Sonntagmorgen aus dem deutschen Hauptquartier im belgischen Badeort Spa in die neutralen Niederlande, die ihm Asyl gewährten. Erster Zufluchtsort am 11. November 1918, „ein Tag voller Schmach und Schande“, wie Wilhelms treuer Paladin, Sigurd von Ilsemann, in seinem Tagebuch notiert, war Kastell Amerongen in den Niederlanden. Dort sollte der Exil-Kaiser für drei Tage von Graf Godard van Aldenburg Bentinck aufgenommen werden, ein Johanniter wie Wilhelm. Am Ende waren es fast 18 Monate, die der abgedankte Kaiser in Amerongen zubrachte.

Überschattet war sein Aufenthalt, der aus Furcht vor Anschlägen oder Entführung einem Hausarrest glich, von Beginn an von der „Kaiserfrage“. Forderten doch die Entente-Mächte, vor allem England und Frankreich, den Ex-Monarchen auszuliefern. Als Verbannungsorte waren etwa St. Helena, die Falkland-Inseln und die Teufelsinsel im Gespräch. Schließlich drang der 1919 ausgehandelte Versailler Vertrag darauf, dass Wilhelm „wegen schwerer Verletzung des internationalen Sittengesetzes und der Heiligkeit der Verträge“ unter Anklage gestellt werden müsse. Ohne Resonanz blieb auch eine Initiative des Kölner Kardinals Felix von Hartmann, Wilhelm sollte sich einem Tribunal aus Papst Benedikt XV., Königin Wilhelmina von den Niederlanden und dem spanischen König Alfonso XIII. stellen. Doch die Auslieferungsersuche waren vergebens, die niederländische Regierung und Königin Wilhelmina weigerten sich, ihnen nachzukommen.

Am 16. August 1919 erwarb Wilhelm den Landsitz Haus Doorn von Baronin Wilhelmina Cornelia von Heemstra, einer Urgroßmutter von Audrey Hepburn. Wilhelm zahlte für den Landsitz, der auf knapp sechzig Hektar neben der herrschaftlichen Villa verschiedene Nebengebäude sowie Garten, Wiesen- und Parkanlagen umfasste, eine halbe Million niederländische Gulden. Vor dem Umzug von Amerongen, dem er aus Dankbarkeit für die Gastlichkeit ein kleines Hospital aus Holz spendierte, das später von den Johannitern betrieben wurde, nach Doorn am 15. Mai 1920 wurden noch einige Renovierungen und Umbauten vorgenommen und ein Rosengarten angelegt. Zentralheizung, Lift und Personaltreppe wurden eingebaut, die Frontseite erhielt einen Balkon, und es wurde ein weit gespanntes Torhaus im holländischen Renaissancestil mit Treppengiebel gebaut. An Finanzmitteln fehlte es dem ehemaligen Kaiser auch nach der Beschlagnahme des Hohenzollern-Vermögens Ende November 1918 nicht, wurden doch sogleich 625 000 Reichsmark für seinen „standesgemäßen Unterhalt“ angewiesen. Und auch in den Folgejahren flossen immer wieder Millionenbeträge zugunsten des Ex-Kaisers auf Konten bei der Heydtschen Bank in Amsterdam. Schon 1920 hatte Kurt Tucholsky alias Kaspar Hauser in der Weltbühne dem Geflüchteten das bitterböse Gedicht „Wilhelm von Abfundien“ nachgeschleudert. Im Innern des von einem Wassergraben umgebenen Schlösschens ist die Zeit weithin stehengeblieben. Das überladene Interieur wird beherrscht vom Charme der Jahrhundertwende. Die Ausstattung von Haus Doorn stammt zumeist aus dem Berliner Stadtschloss, Schloss Bellevue und dem Neuen Palais in Potsdam. Fünf Eisenbahnzüge mit 59 Waggons bedurfte es, so wird überliefert, um den Hausrat des Kaiserpaares in die Niederlande zu bringen. In der Küche im Souterrain stehen noch die Töpfe auf dem Herd und lagert Porzellangeschirr aus der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur. In der Beletage schmücken Gobelins und großformatige Ölbildnisse von Mitgliedern der kaiserlichen Familie die Wände. In diesem Ambiente fanden täglich Andachten statt, die Wilhelm leitete.

Dicht an dicht stehen in weiteren Räumen und Salons Fauteuils, Sofas, Rokoko-Stühle, Kommoden, Tische, Schränke, Spiegel, Vasen, Silberschalen, Vitrinen, Uhren und Leuchter. Überbordend ist die Zahl der Darstellungen zur preußischen Geschichte, Statuen, Büsten und Fotos von Vorfahren, Eltern und Verwandten. Zum Inventar gehören auch Teile der Sammlung von Schnupftabakdosen des großen Kurfürsten, sowie Zigarettendosen des Ex-Kaisers, deren Deckel maritime Motive zieren. Schlicht bis spartanisch erscheinen die privaten Räume. Zwischen Schlachtenbildern findet eine Kuckucksuhr Platz, über hohen Türen Hufeisen. Ein Pferdesattel steht vor dem Schreibpult, an dem Wilhelm umgeben von preußischer Historie seine Weltsicht nach dem Ende des Kaiserreichs und seine Opferrolle zu Papier brachte. Die Bibliothek schmückt eine Kopie der Büste der Königin Nofretete in Originalgröße. Das Bücherregal dokumentiert Interessen des Exil-Kaisers an kulturhistorischen Themen sowie christlicher und jüdischer Religion. Im Schlafzimmer finden sich neben zahllosen Familiensouvenirs Pantoffeln und Morgenrock, die Wände zieren Aquarelle von der Insel Korfu, wo Wilhelm in seiner Villa Achilleoin residierte und archäologischen Studien nachging, aber auch ein Luther-Bild. Unter dem Baldachin zeigt eine Bleistiftzeichnung von Franz Lenbach ein Porträt von Auguste-Victoria.

Uniformen waren des Kaisers liebste Kleider. In einer Vitrine ist die Tracht der schottischen Hochländer mit Umhängetasche zu bewundern, die der fünfjährige Wilhelm von seiner Großmutter, der englischen Königin Victoria, als Geschenk erhielt. Auch für den 18-Jährigen gab es aus London wieder einen Kilt. Es fehlen nicht die Parade-Uniform des Leibgarde-Husaren-Regiments, Säbel, Degen und Marschallstäbe, auch nicht das Feldgrau des „Obersten Kriegsherrn“.

Haus Doorn ähnelte einem Mini-Hofstaat für einen Herrscher ohne Land. Seine Unterschrift versah Wilhelm weiterhin mit dem Kürzel I. R. (Imperator rex). Höfischen Etikette und Kultur wurden zelebriert. Mit Baumfällen, Holzsägen und -hacken hielt er sich fit und dezimierte den Baumbestand des Parks. Obwohl der Verzicht auf politische Betätigung zu den Bedingungen für die Asylgewährung in den Niederlanden zählte, hielt Wilhelm Tuchfühlung mit den Vorgängen in Berlin. Neben der Lektüre von Zeitungen und Vortrag durch die Adjudanten im Rauchsalon waren es Korrespondenz und Besuche, mit denen er sich über die Ereignisse in Deutschland informierte.

Ein Mini-Hofstaat

Unter den Besuchern in Doorn war etwa Ludwig Schneller – ein dezidiert kaisertreuer, deutsch-nationaler und antisozialistischer Pfarrer. Nach seinem Aufenthalt in Doorn 1925/26 schwärmte Schneller in seiner Schrift „Königserinnerungen“ (1926) geradezu: „Die ungeheure Verantwortung während des Krieges, die Entthronung durch die verblendete Reichstagsmehrheit, die bitteren Erfahrungen von Undank und Treulosigkeit seitens solcher, die ihn früher immer ihrer ‚unwandelbaren Treue‘ versichert hatten, das alles hat wohl seine Furchen in dies edle Angesicht gegraben.“ Doch die Züge Wilhelms, der „als Mann und als Christ“ den Sturm des Krieges und seiner Folgen getragen habe, machten auf Schneller den Eindruck einer „im Sturme gereiften Persönlichkeit“. Auch Wilhelms ältester Sohn, Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, floh am 13. November 1918 in die Niederlande und wurde aus Sicherheitsgründen auf der Insel Wieringen in Nordholland interniert. Dort wurde er im Pfarrhaus Oosterland einquartiert. Schließlich verschwand der letzte Kronprinz in der Nacht des 10. November 1923 sang- und klanglos nach Deutschland In Doorn haderte derweil Wilhelm mit seiner wenig rühmlichen Statistenrolle. Juden, Jesuiten, Freimaurer und Bolschewisten schob er die Schuld am Untergang des Kaiserreiches zu. Wankelmütig hoffte er auf Verbündete am linken und rechten politischen Spektrum, die ihm zur Rückkehr auf den Thron verhelfen sollten. Selbst den Flirt mit den Nationalsozialisten scheute er nicht, um mit deren Unterstützung der Wiederherstellung der Monarchie näherzukommen. Zweimal ist Hermann Göring Gast in Doorn. Doch diese Hoffnung schwand, als 1934 alle Feierlichkeiten zum 75. Geburtstag des Ex-Monarchen von Hitler untersagt und alle monarchistischen Verbände verboten wurden.

Königin Wilhelmina von den Niederlanden hielt ostentativ Abstand zu dem entfernen Verwandten. Eine Vase in Delft, blau mit Schirm, ließ sie Wilhelm als Geschenk zum 70. Geburtstag zukommen. Dieses Accessoire sei der einzige niederländische Gegenstand in Haus Doorn, sagt Kunsthistorikerin Lydie Peese Binkhorst. Und ein Indiz dafür, dass die Monarchin den Ex-Kaiser nicht sonderlich schätzte und offizielle Kontakte mied. Als geradezu paradoxe Fußnote der Geschichte mag erscheinen, dass kurz vor der deutschen Besetzung der Niederlande im Mai 1940 Wilhelmina nach London ins Exil flüchtete, während „Onkel Willy“ in Doorn den Vormarsch der Wehrmacht bejubelte. In einem Telegramm an Hitler schwadronierte er nach dem Fall Frankreichs von einem „gewaltigen Sieg“ und Gottesgeschenk.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Niederlande Haus Doorn als Feindvermögen. Pläne, dort ein Lehrzentrum für den niederländischen Gartenbau anzulegen, zerschlugen sich. Stattdessen übertrug der Staat das Gebäude samt Inventar der niederländischen „Stiftung zur Verwaltung von Haus Doorn“, die Museum und Park erhalten soll. Mehrfach stand das Museum finanziell auf der Kippe, zuletzt nach einer Halbierung der staatlichen Zuwendungen drohte 2012 die Schließung. Doch schon ein Jahr später wurde entschieden, Haus Doorn als Erinnerungsort des Ersten Weltkrieges zu erhalten.

Ein Heer von 180 Freiwilligen sorgt dafür, dass das Reservat höfischer Kultur Besuchern präsentiert werden kann. Die Helfer verkaufen Eintrittskarten, führen Gäste durch die Museumsräume, schmücken das Interieur mit Blumengestecken, pflegen den Rosengarten und sichten die Bestände. Lange Jahr stagnierte die Besucherzahl, doch seit der Renovierung des Torhauses, Ausbesserung der Parkanlagen und einem neuen Ausstellungspavillon zeigt sie wieder nach oben. Ewig-
gestrige Monarchieanhänger, die etwa in den Neunzigerjahren noch regelmäßig Kränze am Mausoleum niederlegten, fänden kaum noch den Weg nach Doorn. Vielmehr sei das Publikum gemischt: Schulklassen oder Frauen- und Kulturvereinigungen befänden sich ebenso darunter wie Camping-Touristen.

Gemischtes Publikum

Die letzte Ruhestätte fand Wilhelm, der am 4. Juli 1941 an Herzversagen starb, gegenüber dem Haus Doorn. Schon an Weihnachten 1933 hatte er bestimmt, was nach seinem Ableben zu passieren habe. „Sollte Gottes Rathschluß mich aus dieser Welt abberufen zu einer Zeit, da in Deutschland das Kaisertum noch nicht wieder entstanden, das heißt eine nicht monarchische Staatsform noch vorhanden ist, so ist mein fester Wille, dass ich im Exil in Doorn zur ewigen Ruhe eingehe, auch in Doorn provisorisch beigesetzt zu werden.“ Entgegen seinem letzten Wunsch erwiesen ihm ein Ehrenbataillon der Wehrmacht, Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart als Vertreter des „Führers“ und hohe Militärs mit Trauerkränzen die letzte Ehre. Die Schlüssel für das Mausoleum, in dem er am 4. Juni 1942 beigesetzt wurde, liegen bis heute beim Haus Hohenzollern.

Wilhelm habe im Exil so getan, als habe er noch ganz das Sagen, dabei habe sich seine Macht in purem Theater erschöpft, urteilte der Historiker und Publizist Ian Buruma: „Haus Doorn war und ist eine Art Mausoleum seiner Träume.“


 

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