Generation E-Golf

Bislang waren die grün-bürgerlichen Eltern aus den Szene-Vierteln der Großstadt eher Gegenstand von spottenden Artikeln und unflätigen Kommentaren dazu. Doch der VW-Konzern macht dem ein Ende.

Strom macht Spaß. Ich hatte an dieser Stelle ja schon mal vor einiger Zeit meine Begeisterung über die Elektromobilität geteilt und geschrieben, wieviel Freude es macht, in einem Stromauto oder auf einer Elektro-Schwalbe leise und abgasfrei und mit unglaublichen Beschleunigungswerten durch die Stadt zu surren. Okay, ich habe damals behauptet, ich hätte in meinem superschicken urbanen Car-Sharing-E-Flitzer die Zündung eingeschaltet. Das war natürlich Unsinn, die gibt es bei Elektro-Autos gar nicht. Darauf haben mich zum Glück einige Leser (in diesem Falle wirklich nur Männer) hingewiesen, die in Physik besser aufgepasst haben als ich. Danke dafür!

Mittlerweile hat sich das Rad der Geschichte klimaschonend weitergedreht. Der Berliner Innenstadtbereich ist voll mit leihbarer Elektromobilität, und man fragt sich, wer denn eigentlich all die E-Bikes, E-Mofas, E-Autos und neuerdings auch E-Tretroller benutzen soll. Bis man dann gerne selber eines hätte und feststellen muss, dass gerade mal wieder keines in der Nähe ist. Oder man merkt, dass der Akku vom Handy mal wieder leer ist. Ohne das gibt es ja kaum eine Chance, so ein Gefährt überhaupt zu öffnen.

Aber da ist ja noch die Old-School-E-Mobility-S-Bahn, mit der man auch nach Hause kommt und auf dem Weg so manche Entdeckung macht. Zum Beispiel ein Werbeplakat am Berliner Hauptbahnhof vom Volkswagen-Konzern. Der wird jetzt auch voll klimafreundlich und steigt mit etwas Verspätung in den Car-Sharing-Markt ein, dafür aber nur mit Elektro-Autos. Tolle Sache, denn nun kann Mama die Kinder endlich auch elektrisch zur Klimademo fahren. Wie bitte? Ja, das steht da tatsächlich auf dem Plakat. Ansonsten sieht man darauf neben einem elektrobetriebenen VW-Golf einen jungen mutmaßlichen „Friday-for-Future“-Aktivisten und seine Mutter, die sich über das neue Angebot freuen.

Toll! Bislang waren die grün-bürgerlichen Eltern aus den Szene-Vierteln der Großstadt eher Gegenstand von spottenden Artikeln und unflätigen Kommentaren dazu. Grundtenor: Was wir früher alles ohne Fahrradhelm und Handy gemacht haben, hat uns auch nicht geschadet, und wenn das so weiter gehe, dann gute Nacht Deutschland, denn diese Kinder hätten ja nie gelernt, alleine zurecht zu kommen und so weiter, und so fort.

Und jetzt kommt VW und zeigt Verständnis für die Nöte der Generation Golf, die, obwohl sowieso schon ständig unter Strom, weiter elektrisiert werden will. Deren Nachwuchs muss bei einer Demo schon genug laufen, kann man ihm da wirklich zumuten, mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Demo zu fahren? Und wenn man endlich den dieselbetriebenen suv stehen lassen kann, für den man sich ja mindestens genauso schämt wie für die Urlaubsflüge, dann erleichtert das doch einiges. Zumindest das Gewissen der Helikopter-Eltern. Die fliegen nämlich jetzt auch elektrisch…

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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