Ein Geschenk

Die Luther-Oper von Bo Holten in Malmö
Foto: pixelio
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Wie gut hätte diese Oper den Reformationsfeierlichkeiten 2017 getan! Welchen besonderen Glanz hätte sie in ihrer differenzierten und klugen künstlerischen, ästhetischen und pädagogischen Aufmachung und niveauvollen Reflexion dem Ganzen verliehen! Tempi passati, aber Luther hat immer Konjunktur.

Das jüngst uraufgeführte Werk des dänischen Komponisten und bekannten Chordirigenten Bo Holten orientiert sich in seiner Gestalt und Besetzung ganz an der üppigen Tradition der großen romantischen Oper – neben den Hauptfiguren von Luther (Dietrich Henschel) und Melanchthon (Thomas Volle), Katharina von Bora (Emma Lyrén) bis zu Friedrich den Weisen (Bengt Krantz), treten auch der große und der Kinderchor der Oper auf, samt dem Orchester souverän durch den beinahe dreistündigen Abend geleitet von Patrik Ringborg, der auch in Deutschland kein Unbekannter ist. Wiewohl schwedisch geschrieben, wird die Oper in deutscher Sprache aufgeführt, was seitens der schwedischen Auftraggeber für den unbedingten Willen um Originalität spricht.

Die Handlung der Oper orientiert sich an den zentralen Ereignissen im Leben Martin Luthers. Schlussendlich sind alle Wegmarken, alle Aktionen und Reaktionen Schlüssel zur Figur Martin Luthers selbst, die in der Tragik innerer Gefangenheit gezeigt wird wie in Brechts Resümee „An die Nachgeborenen … auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge, / Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Ach wir, / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein.“

So erlebt man Martin Luther als den brüskierenden Eiferer, der es sich mehr und mehr mit allen verdirbt, weil er kaum sich selbst, geschweige denn andere befrieden kann. Seine immerfort ausgesprochene Klage „Keiner hört zu!“ wird anfänglich noch unterstützt, seine Geradlinigkeit goutiert: „Er hört auf sein Gewissen!“ Aber in der rigorosen Unduldsamkeit und dem alleinigen Wahrheitsanspruch ist es zunehmend Luther, der niemandem zuhört und selbst seine treuesten Gefährten Katharina und Melanchthon zu verprellen droht, weil sie ihm seine Instrumentalisierung immer wieder spiegeln: „Simul iustus et peccator“. Machtlos konstatiert aber ein ernüchterter Melanchthon: „selbst ein Prophet muss wissen, wann’s ein Ende hat. Und wer nicht zuhört, der wird besonders einsam sein.“ Der gleichwohl an der Rechtfertigungslehre aufbereitete Weg Luthers endet in dem eindrücklichen Bild einer Pietá – die ganz in engelsweiß gekleidete Katharina hat ihren lebensmüden Mann auf dem Schoß, sein Ende ist der Anfang Jahrzehnte andauernder Konfessionskriege.

Die opulente, durchweg tonale und stark filmisch aufbereitete Musik, die sich in der Renaissance und verschiedener Lutherchoräle bedient, ohne eklektizistisch zu sein, trägt den packenden Abend mit der aus dem Libretto herauswachsenden Emphase. Ein intonatorisch äußerst sicherer, flexibler Chor beeindruckt ebenso wie die spielerisch ohnehin sehr präsenten Figuren, allen voran Thomas Volle, Jakob Högström (Spalatin) und Reinhard Hagen (Cranach) durch ihre atemberaubend klangliche Präsenz. Auch das Bühnenbild (Peter Holm) und die Choreographie (Caroline Lundblad) überzeugen durch eine tiefe Durchdringung des Werkes, farblich effektvolle Gestaltungslust und eine nuancenreich ausbalancierte Bewegungskomposition, die dem Regisseur Peter Oskarson klug in die Hände spielen und das Publikum reich beschenken mit einem bedenkens- und bemerkenswert aufgeklärten, spannend erzählten Abend eines tragisch Einsamen: Martin Luther.

Weitere Informationen und Bilder unter www.malmoopera.se. Termine außerhalb Malmös sind in Vorbereitung.


 

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Klaus-Martin Bresgott

Klaus-Martin Bresgott ist Germanist, Kunsthistoriker und Musiker. Er lebt und arbeitet in Berlin.


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