Bedrückend

Aufstieg der Rechtspopulisten

Es ist vielleicht eines der wichtigsten politischen Bücher dieses Jahres. Der an der Stanford-Universität lehrende Politikwissenschaftler Francis Fukuyama (Jahrgang 1952) erklärt, warum in den vergangenen Jahren der Rechtspopulismus weltweit einflussreich wurde und sich linke politische Kräfte verzetteln. Seine aktuelle Diagnose ist so bedrückend wie hoffnungslos: Die Rechte hat im Nationalismus eine alte „große Erzählung“ wiedergefunden, die weltweit erfolgreich nacherzählt wird. Daher der Wahlerfolg Donald Trumps, die Brexit-Bemühungen in Großbritannien, Orbans politische Siege in Ungarn, Italiens Wende nach rechts und die Erfolge der AfD in Deutschland, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Der globale Drang nach Demokratisierung der Siebzigerjahre und die Hoffnung auf Liberalisierung in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks sind in eine globale Rezession übergegangen. Potenzielle neue Demokratien wie Tunesien, die Ukraine, Polen, Thailand oder Myanmar verfallen mehr und mehr in autoritäre Regierungsstrukturen. Weder in Afghanistan noch im Irak brachte die amerikanische Militärintervention einen Demokratisierungsschub. Fukuyama erkennt darin nicht nur eine Krise der Demokratie, sondern den Beginn ihres Endes. Der Liberalismus, auf Ausgleich und Abwägung bedacht, hat keine Zukunft. Die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgreichen Konsens- und Diskursmodelle sind an ihr Ende gekommen. Immer mehr Menschen wenden sich nun antidemokratischen Ideen zu.

Anstatt auf den für die Demokratie notwendigen Kompromiss zu setzen, hat sich in jüngster Zeit eine so genannte Identitätspolitik durchgesetzt. Fukuyama erklärt das so: Verschiedene gesellschaftliche Gruppen kämpfen gegeneinander um Anerkennung und vor allem um „Würde“. Diese Gruppen sind untereinander durch besondere ethnische, sexuelle oder kulturelle Merkmale geeint. Jede Gruppe macht sich ausschließlich für ihre spezifischen Rechte stark und pocht auf die Anerkennung der je eigenen Würde. Während in den frühen Kulturen nur wenigen Menschen Würde zuerkannt wurde – etwa denen, die bereit waren, ihr Leben für die Gemeinschaft in einer Schlacht zu riskieren, also Kriegern – wird heute zurecht von allen Menschen erwartet, dass ihnen mit Würde begegnet wird. Es genügt nicht, dass jeder Mensch ein Selbstwertgefühl für sich hat, wenn andere es nicht allgemeingültig anerkennen oder, was noch schlimmer ist, wenn sie es öffentlich missbilligen. In diesem Zusammenhang versteht Fukuyama etwa die „Ehe für alle-Bewegung“, die das Recht zu heiraten als Merkmal einer gleichwertigen Würde versteht, oder auch die #MeeToo-Bewegung mit ihren Forderungen nach Anerkennung erfahrenen Leids.

Das Leitmotiv der „Würde“ entfaltet er in einem geistesgeschichtlichen Durchgang von der antiken Philosophie bis zur Gegenwart. Besondere Beachtung widmet er dem christlichen Konzept der Würde, das er in der lutherischen Fassung der Rechtfertigung des Menschen vor Gott durch den Glauben erstmals universalistisch entfaltet sieht. Was Platon als „Thymos“ bezeichnet, übersetzt Fukuyama als Verlangen nach Würde. Es ist eine bewusste oder unbewusste Sehnsucht, von anderen gesehen und wertgeschätzt zu werden. Alle demokratischen und persönlichen Handlungen werden von dieser Ursehnsucht nach Anerkennung motiviert.

Die rechtspopulistische Ablehnung der Würde vieler Gruppen ist kein Angriff auf die Demokratie von außen, sondern liegt im Inneren der Demokratie, in ihrer Seele, als Möglichkeit bereit. Ein Buch, das verstört.


 

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