Nächster Halt: Afrika

In Äthiopien ist Arbeitskraft noch so billig, dass es sich lohnt, hier Kleidung herzustellen – zu Hungerlöhnen

Seit Jahren lassen Marken wie Adidas, Nike und Calvin Klein ihre Kleidung in Asien produzieren. Doch weil die Löhne in Ländern wie Vietnam steigen, wandert die Textilindustrie nach Afrika. In Äthiopien haben sie einen idealen Standort gefunden. Doch was bringt das den Menschen im Land?

Siebzehn Sekunden. Das sind sieben Sekunden zu viel. Das fertige T- Shirt in Plastikfolie zu verpacken, darf nicht länger als zehn Sekunden dauern. „Das muss besser werden“, sagt Alan Chen. Der Geschäftsführer des taiwanesischen Textilunternehmens Everest wuselt durch die Gänge der großen Halle, in der schon bald 2 000 äthiopische Näherinnen beschäftigt werden sollen. Etwa die Hälfte ist schon eingestellt. „Aber es gibt noch viel zu tun“, sagt Chen. „Die Mädchen müssen noch üben, bis Qualität und Zeit stimmen.“ Everest ist eines von 37 Textilunter-nehmen, die sich im „Hawassa Industrial Park“ eingemietet haben. Äthiopiens größter Industriepark soll bis zu 60 000 Arbeitsplätze schaffen, ausschließlich im Textilsektor.

 

Im Juli 2016 wurde das Areal fertiggestellt, nach nur einem halben Jahr Bauarbeiten. Mit chinesischer Hilfe entstanden hier moderne Hallen, die nun an ausländische Firmen vermietet werden. Innerhalb kürzester Zeit waren alle vergeben. Die Firma Everest, die unter anderem Sportbekleidung für Nike, Adidas und North Face produziert, gehört zu den ersten Unternehmen, die schon vor Ort arbeiten. Viele Hallen stehen noch leer. Es dauert, bis die neuen Produktionsstätten eingerichtet sind. Doch eins steht jetzt schon fest: Die internationale Textilbranche zieht weiter: von Asien nach Afrika. Und Äthiopien bietet ideale Voraussetzungen dafür, auch weil es die Regierung so will. Die Bevölkerung im Land am Horn von Afrika wächst rasant. Doch für die jungen Menschen gibt es kaum Jobs. Über die Textilbranche will Äthiopiens Regierung schnell viele Arbeitsplätze schaffen und das Land in ein neues Zeitalter katapultieren – vom Agrarland zur führenden Industrienation Afrikas. Unternehmen aus dem Ausland sollen dabei helfen.

„Der größte Vorteil ist, dass wir von hier zollfrei nach Europa exportieren können“, sagt Chen. „Und die Transportwege dorthin sind kurz.“ Dazu kämen der billige Strom und natürlich die geringen Personalkosten. „Die Mädchen müssen zwar erst angelernt werden, aber es rechnet sich“, sagt der Geschäftsmann. „Vietnam zum Beispiel können Sie vergessen, dort sind die Löhne mittlerweile viel zu hoch.“ In Äthiopien bekommt eine einfache Näherin etwa einen Euro am Tag. „Unschlagbar“, findet Chen. Aber natürlich gäbe es auch Aufstiegschancen.

Immerhin eigenes Geld

Hana Kassa und Menalech Zeneb gehören bei Everest zu den besser bezahlten Näherinnen. Wenn sich die beiden jungen Frauen in ein paar Stunden mit ihrem Fingerabdruck am Ausgang ausstempeln, hat jede von ihnen heute etwa zwei Euro verdient. Kassa und Zeneb beherrschen ihre Arbeitsschritte inzwischen so gut, dass sie den Anfängerinnen auf die Finger schauen dürfen. Das erste Lehrstück ist die eigene Arbeitskleidung: ein Kopftuch und ein T-Shirt in Pink. „Es braucht etwas Zeit, bis eine Naht sauber verläuft“, sagt Kassa. „Manche lernen schneller, manche sind langsamer.“

 

Viele der Näherinnen sind auf dem Land aufgewachsen. In armen Verhältnissen, ohne Strom. „Es muss für sie wie eine Zeitreise in die Zukunft sein – mit all den Maschinen und dem hellen Kunstlicht“, sagt Chen. Auch Hanna Kassa und Menalech Zeneb, die beiden Vorarbeiterinnen, stammen aus einem kleinen Dorf etwa 60 Kilometer von Hawassa entfernt. Die Arbeit in der Textilfabrik ermöglicht den beiden Frauen ein Leben in der Stadt. Auch wenn sie sich nicht viel leisten können. Mit einer weiteren Frau teilen sie sich ein kleines Zimmer. Eine Matratze liegt darin, auf der sie zu dritt schlafen. Auf dem Boden stehen ein paar Teller und Gläser, ein Wasserkanister, mehr gibt es nicht. „Immerhin verdienen wir unser eigenes Geld“, sagt Kassa, die nach Feierabend noch regelmäßig die Universität besucht. Sie studiert Informatik, möchte ihren Abschluss machen und irgendwann eine besser bezahlte Arbeit finden.

Ein paar Hallen weiter wischt sich Keith Harding die Schweißperlen von der Stirn. Es ist warm und laut. Das Rattern der Nähmaschinen übertönt beinahe seine Stimme. Doch er ist es gewohnt. Die Textilbranche ist seit vielen Jahren sein Geschäft. „Hartes Business“, wie er es nennt. Harding leitet den äthiopischen Produktionsstandort der Firma Hela-Indochine. Das Textilunternehmen aus Sri Lanka hat vor eineinhalb Jahren nach Äthiopien expandiert. Also ging es für Harding, der eigentlich aus England stammt, nach Hawassa. Es fällt ihm schwer, hier zu sein. Er kann der beliebten Touristenstadt mit der schönen Seepromenade nicht viel abgewinnen.

 

Für Menschen wie Harding gibt es hier nicht viel zu entdecken. Wenn er es gar nicht mehr aushält, bucht er sich einen Flieger in die Hauptstadt Addis Abeba. „Dort gibt es einen Golfclub“, sagt er. Alle sechs Wochen reist Harding zu seiner Familie, die in Sri Lanka geblieben ist.

Fotografieren lassen will der Geschäftsmann sich nicht, aber er macht keinen Hehl daraus, dass das Textilgeschäft ein brutaler, weltweiter Wettbewerb geworden ist, bei dem jeder Cent zählt. „Wir müssen einfach bestimmte Maßstäbe ansetzen, wenn wir auf dem internationalen Markt bestehen wollen. Sonst suchen sich unsere Kunden ganz schnell andere Partner“, sagt Harding. Seine Kunden bringen T-Shirts, Hosen und Hemden mit den Markennamen Tommy-Hilfinger, Calvin Klein und Levis in die Regale europäischer und amerikanischer Geschäfte.

 

Harding muss seine Produktion im Griff haben, wenn er seine Abnehmer nicht verlieren will. Vom Zuschnitt bis zur Verpackung wird deshalb alles zeitlich erfasst, ausgewertet, optimiert. Damit jeder weiß, wo er steht, hängt an dem Arbeitsplatz der guten Näherinnen ein grünes, lachendes Smiley. Bei denen, die noch üben müssen, ein gelbes. Und für diejenigen, die „ein Problem darstellen“, gibt es ein rotes, trauriges Gesicht.

„Ich weiß, dass die Textilbranche kein gutes Image hat, aber die Schuld liegt doch bei denen, die immer mehr Stücke in immer kürzerer Zeit einfordern“, sagt Harding und meint damit die Kunden. Zum einen seine eigenen, also die Bekleidungsfirmen. Aber auch die Endkunden, die ständig neue Kollektionen erwarten würden.

 

Harding benennt, worüber sich wohl alle in der Branche einig sein dürften: Die Mode hat ein noch nie dagewesenes Tempo erreicht. In immer kürzeren Abständen werden neue Kleidungsstücke auf den Markt gebracht. Laut einer Greenpeace-Umfrage von 2015 kaufen deutsche Verbraucher im Schnitt fünf neue Kleidungsstucke pro Monat – tragen diese allerdings nur noch halb so lang wie vor 15 Jahren. Fast die Hälfte der Kleidungsstücke in deutschen Schränken werden außerdem „nur selten oder nie getragen“.

 

Das Fast-Fashion-Phänomen hat dazu geführt, dass T-Shirts und Hosen möglichst schnell und möglichst billig produziert werden. Kleidung ist zum Wegwerfprodukt geworden und muss trotzdem gute Qualität versprechen.

Also wird den jungen Frauen in Äthiopiens Produktionshallen das immer wieder eingetrichtert: Ihr müsst eure Arbeit gut machen! Unsere Produkte gehen nach Europa! Wenn einer schlecht arbeitet, fällt das auf alle zurück, und wir verdienen weniger Geld!
Die 18-jährige Zenach Bogala muss sich über ihre Leistung keine Sorgen machen. „Sie ist eine der Besten“, sagt Harding. Deshalb hängt über ihrer Nähmaschine auch ein grünes, lachendes Gesicht. Bogala ist seit ein paar Monaten bei Hela-Indochine angestellt. Rund 25 Euro verdient sie hier pro Monat. Mehr als die Hälfte davon braucht sie schon für ihre Miete. Die junge Frau hat keinen Schulabschluss. „Der Job ist wichtig für mich“, sagt sie. Eine Zeitlang hat sie als Haushaltshilfe gearbeitet, aber „hier ist es besser“, findet Bogala. Gerade näht sie eine rosafarbene Unterhose für den amerikanischen Einzelhandelskonzern „Walmart“ zusammen. „Es ist wirklich ein verrücktes Geschäft“, sagt Harding.

Schablonen für Schnittmuster

Aber ist es auch eine Chance für die Menschen in Äthiopien? „Ja“, finden Hana Kassa und Menalech Zeneb, die beiden jungen Frauen, die bei Everest angestellt sind. Wenn sie mehr verdienen würde, könnte sich Kassa sogar vorstellen, weiter in der Textilfabrik zu arbeiten. Selbst, wenn sie einmal ihren Uni-Abschluss hat. „Ich müsste aber ungefähr das Doppelte bekommen“, sagt die 20-Jährige. Doch steigende Löhne passen nicht in das Konzept des Fast-Fashion-Trends.

 

Alan Chen, der Geschäftsführer von Everest, wagt einen Blick in die Zukunft: „In 20 Jahren werden die Arbeiterinnen hier so viel kosten wie in Vietnam, daher müssen wir möglichst viele Arbeitsschritte automatisieren.“ Was zunächst hart klingt, birgt aber auch Chancen. Denn schon heute beschäftigt der Manager aus Taiwan nicht nur Näherinnen, sondern auch junge äthiopische Ingenieure. Sie bedienen etwa Maschinen, die Schablonen für die verschiedenen Schnittmuster herstellen. Und vielleicht liegt die Chance für Äthiopien genau in dieser Mischung aus jungen Fachkräften und einer neu entstehenden, selbstbewussten Arbeiterklasse, die die Zukunft des Landes mitgestalten wird. Nicht zuletzt die katholische Kirche Äthiopiens warnt vor einem Geschäft der Ausbeutung: „Wirtschaftliche Investitionen sind zwar gut für unser Land, aber die Gewinne müssen gerecht verteilt werden“, sagte Kardinal Berhaneyesus Souraphiel. „Sonst werden hier Menschen auf Kosten anderer ausgebeutet.“

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Stefanie Seyferth

Stefanie Seyferth ist Journalistin und berichtet für unterschiedliche Medien aus den Ländern des Südens.

Jörg Böthling

Jörg Böthling begann 1985 als Seemann auf Fahrten nach Afrika und Asien zu fotografieren. Er studierte Fotografie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und arbeitet als Freelancer. 


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