„Bei Gott ist alles möglich!“

200 Jahre Gottfried Keller – zwischen skeptischer Bürgerlichkeit und sinnlicher Weltfreude
Gottfried Keller
Foto: dpa/ Walter Bieri

Religiöse Heuchler und Eiferer nahm der Schriftsteller Gottfried Keller (1819–1890) in seinen Erzählwerken zwar gerne aufs Korn. Aber aufrichtig gläubige Menschen ließ er stets gelten – auch wenn er überzeugt war, dass sie ohne ihren Glauben nicht weniger human handeln würden, urteilt der Germanistikprofessor Ulrich Kittstein zum 200. Geburtstag des Dichters.

Der Schweizer Dichter Gottfried Keller, der am 19. Juli 1819 in Zürich geboren wurde, hat im Laufe eines siebzigjährigen Schriftstellerlebens einige der populärsten Erzählungen deutscher Sprache verfasst. Kleider machen Leute und Romeo und Julia auf dem Dorfe, die beide aus der Novellensammlung Die Leute von Seldwyla stammen, behaupten sich bis heute als Schullektüren, und in der Heimat des Autors galt und gilt auch das Fähnlein der sieben Aufrechten aus den Züricher Novellen als kanonischer Text: Hier fand das liberale Schweizer Bürgertum seine demokratische Ordnung, seinen Gemeinsinn und seine Festkultur poetisch stilisiert und mit mildem Humor verklärt wieder.

Auch in vielen anderen Werken Kellers gibt es Passagen, die eine eidgenössisch-bürgerliche Existenz, so wie sie sein sollte, in leuchtenden Farben zeigen. Aus Arbeitsfleiß und tätigem Erwerb, ehelicher Liebe und Familienglück, sozialer Integration und staatsbürgerlichen Pflichten baut sich das Ideal eines wahrhaft humanen Daseins auf, das individuelle Erfüllung mit gesellschaftlichem Nutzen vereint. Doch ungebrochene Loblieder auf das bürgerliche Ethos bieten Kellers Texte, zumal die besten unter ihnen, keineswegs. Ihr Verfasser wäre auch nicht gerade prädestiniert gewesen, sie zu liefern, denn sein eigener Werdegang hatte wenig mit einer bürgerlichen Musterkarriere zu tun und bewegte sich lange Zeit am Rande eines schmählichen Scheiterns.

1834 nach einem Pennälerstreich von der Schule verwiesen, erwarb der junge Mann nur die unsystematische Bildung eines Autodidakten. Da aus der angestrebten Malerlaufbahn auch nichts wurde und Gottfried Keller sich nicht entschließen konnte, eine seriöse Berufstätigkeit aufzunehmen, war es über viele Jahre hin der früh verwitweten Mutter und der jüngeren Schwester überlassen, den Taugenichts mit zu ernähren. Leicht nahm er seine ungewisse Lage allerdings nicht, und die „Furcht, ein gemeines, untätiges und verdorbenes Subjekt“ zu bleiben, die er einmal einem Freund eingestand, verfolgte ihn unablässig. Erste literarische Arbeiten, darunter zahlreiche Gedichte und der große Roman Der grüne Heinrich, wurden zwar freundlich aufgenommen, konnten seinen Lebensunterhalt aber nicht sichern.

Strenge Selbstdisziplin

Die Wende brachte erst das Jahr 1861, als der Züricher Regierungsrat Keller völlig unerwartet zum Staatsschreiber des Kantons wählte und ihm damit einen gutdotierten Beamtenposten verschaffte. Der war zwar auch mit einer beträchtlichen Arbeitsbelastung verbunden, doch der mittlerweile Zweiundvierzigjährige bewährte sich wider Erwarten vortrefflich auf seinem Posten und genoss die „bürgerlichsolide Beschäftigung“ und die heilsame „Regelmäßigkeit der Amtsgewöhnung“, die ihn aus dem gewohnten Schlendrian herausrissen. Ganz bewusst scheint Keller sich seither eine strenge Selbstdisziplin verordnet zu haben, die ihm auch noch zugutekam, als er 1876 das Staatsamt niederlegte, um freier Schriftsteller zu werden. Seine Alterswerke folgten nun zügig aufeinander, darunter die Sieben Legenden, der zweite Band der Leute von Seldwyla, die Erzählzyklen Züricher Novellen und Das Sinngedicht sowie der Roman Martin Salander.

Doch Kellers Sicht auf die Lebenswelt und die Wertvorstellungen des Bürgertums blieb gebrochen und skeptisch. Es war die Perspektive eines Außenseiters, dem das wohlanständige bürgerliche Dasein nicht nur als Sehnsuchtsziel vorschwebte, sondern der auch einen scharfen Blick für seine dunklen Abgründe besaß. Kellers Texte erzählen immer wieder von den Einschränkungen, die hingenommen, von den Verzichtleistungen, die erbracht werden müssen, wenn der Einzelne sich als fleißig und strebsam bewähren und die Anerkennung der Gesellschaft gewinnen will. Und die Dialektik des rasanten wirtschaftlichen Fortschritts in der schweizerischen Gründerzeit nach der Jahrhundertmitte erkannte der Autor gleichfalls frühzeitig. Mahnend und warnend machte er darauf aufmerksam, wie der Materialismus und die Ellbogenmentalität einer kapitalistischen Klassengesellschaft gerade jene Werte untergruben, in deren Zeichen das liberale Bürgertum einst angetreten war: die freie Entfaltung des Individuums und die unerschütterliche Solidarität aller Staatsbürger. Bezeichnenderweise gilt Kellers Interesse meist nicht den bürgerlichen Tugendbolden, die ja auch wahrhaftig keinen fesselnden Erzählstoff liefern, sondern den Träumern, Phantasten und Herumtreibern, die sich in ihrem Tun und Denken nicht disziplinieren lassen wollen, dafür aber etwas von der echten Poesie des Lebens vermitteln können.

Der grüne Heinrich gehört ebenso zu ihnen wie der Schmoller Pankraz, der Legendenritter Zendelwald und der wandernde Schneidergeselle Wenzel Strapinski aus Kleider machen Leute – bevor er sich am Ende doch noch in einen selbstzufriedenen Bourgeois verwandelt. Und Kellers populärste Erfindung ist das Narrenstädtchen Seldwyla, dessen Bewohner weder ordentlich zu arbeiten verstehen, noch ihrer staatsbürgerlichen Verantwortung nachkommen, aber trotzdem – oder gerade deshalb? – vergnügt und unbeschwert in den Tag hineinleben.

In einem wichtigen Punkt distanzierte sich Keller ohnehin entschieden von den gesellschaftlichen und kulturellen Normen in der Stadt Huldrych Zwinglis, nämlich in dem der Religion. In jungen Jahren hatte er zwar noch an einen allmächtigen Schöpfergott geglaubt, den Dogmatismus der kirchlichen Orthodoxie aber bereits mit tiefem Misstrauen betrachtet. So war seine Weltanschauung zunächst durch eine religiöse Grundgesinnung geprägt, die sich mit weitreichender Toleranz verband: „Ich werde ein positives religiöses, aber für den Menschen unerklärliches Element festhalten, aber ich werde, wenn ich je zu einer Stimme komme, mit aller Macht dagegen streiten, daß die Gottheit von Menschen mißbraucht und ausgelegt werde. Jeder Mensch soll sich seine religiösen Bedürfnisse selbst ordnen und befriedigen, und dazu sollen Aufklärung und Bildung ihm verhelfen. Ich werde indessen die christlichen Dogmen, sowenig als diejenigen irgend einer andern Religion, verspotten; aber die Schurken, welche dieselben mißbrauchen, und die Fanatiker oder Schwärmer, welche vermittels derselben Andersdenkende verfolgen und verdächtigen, werde ich mit allen mir zu Gebothe stehenden Mitteln angreifen.“

Der große weltanschauliche Umschwung vollzog sich 1848, als Keller während eines Studienaufenthalts in Heidelberg die Vorlesungen Ludwig Feuerbachs hörte. Der Philosoph erregte seinerzeit die Gemüter, weil er jeglichen Gottes- und Jenseitsglauben, auch den christlichen, als bloße Projektion menschlicher Ideale und Sehnsüchte interpretierte. Was die Menschen Gott zuschrieben, seien im Grunde nur ihre eigenen verborgenen Anlagen und Möglichkeiten, die es aus der religiösen Entfremdung zu retten gelte. Man müsse die Theologie also in Anthropologie verwandeln und die Menschen „aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits“ machen.

Weltanschauliche Toleranz

Keller war förmlich elektrisiert und ließ sich rasch von Feuerbachs Ideen überzeugen. Sobald er den Glauben an Gott und die Unsterblichkeit der Seele verabschiedet hatte, fühlte er sich wie neugeboren in einer irdischen Welt, die jetzt, wo sie kein Jenseits mehr kannte, nur umso kräftiger leuchtete. Erst der Gedanke des „wahrhaften Todes“, durch keine Illusion ewiger Fortdauer mehr gedämpft, verlieh dem menschlichen Leben in seinen Augen den rechten Rang und Wert. Den Gewinn veranschlagte der Poet in ethischer und ästhetischer Hinsicht gleichermaßen hoch: „Wie trivial erscheint mir gegenwärtig die Meinung, daß mit dem Aufgeben der sogenannten religiösen Ideen alle Poesie und erhöhte Stimmung aus der Welt verschwinde! Im Gegenteil! Die Welt ist mir unendlich schöner und tiefer geworden, das Leben ist wertvoller und intensiver, der Tod ernster, bedenklicher und fordert mich nun erst mit aller Macht auf, meine Aufgabe zu erfüllen und mein Bewußtsein zu reinigen und zu befriedigen, da ich keine Aussicht habe, das Versäumte in irgend einem Winkel der Welt nachzuholen.“

In Kellers Neueren Gedichten von 1851 findet sich ein ganzer lyrischer Zyklus, der sein Feuerbach-Erlebnis reflektiert, das „Trugbild der Unsterblichkeit“ verwirft und dafür die irdische Wirklichkeit in ihrer sinnlichen Fülle feiert. Sichtlich von Feuerbach geprägt sind auch die späteren Sieben Legenden, die das vertraute Schema dieser christlichen Gattung provozierend unterlaufen. Nicht von Glaubenshelden und Märtyrern erzählt Keller, sondern von Menschen, die die Fesseln der asketischen Weltverachtung abstreifen und lernen, in Liebe und Sinnenfreude das Diesseits zu genießen.

Kellers positive Helden sind durchweg irreligiös und orientieren sich nur an den Gesetzen der Natur und an ihren sittlichen Pflichten gegenüber den Mitmenschen. Was sie an Glück erhoffen können, bleibt ganz in dem begrenzten Kreis ihres einmaligen, unwiderruflich endlichen irdischen Daseins. Unduldsamkeit war Keller aber nach wie vor ein Gräuel, und so verfiel er auch nie in einen umgekehrten, atheistischen „Bekehrungseifer“.

Religiöse Heuchler und Eiferer nahm er in seinen Erzählwerken zwar gerne aufs Korn, aber aufrichtig gläubige Menschen, denen die Religion Trost und Halt gewährt, ließ er stets gelten – auch wenn er überzeugt war, dass sie ohne ihren Glauben nicht weniger human handeln würden. Schon kurz nach der Feuerbach’schen Wende beteuerte er: „Ich werde nie ein Fanatiker sein und die geheimnisvolle schöne Welt zu allem Möglichen fähig halten, wenn es mir irgend plausibel wird“, und weigerte sich entschieden, „jeden, der an Gott und Unsterblichkeit glaubt, für einen kompletten Esel zu halten“.

Indem Keller seine weltanschauliche Toleranz in die Zeit „nach Feuerbach“ hinüberrettete, gelangte er zu einer Haltung, die heute im Zeitalter neu aufflammender Glaubenskriege und -konflikte unverändert vorbildlich wirkt. Und bei Dorothea Schönfund, einer verklärten jugendlichen Idealgestalt aus dem Grünen Heinrich, nehmen Feuerbachs atheistische Lehren schließlich die milde Gestalt eines gelassenen, weltfrohen Agnostizismus an. Denn Dorothea stellt sich auf den ebenso paradoxen wie einleuchtenden Standpunkt: „Bei Gott ist alles möglich, auch daß er existiert!“


 

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Ulrich Kittstein

Ulrich Kittstein ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mannheim


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