Sehnsucht nach Erkenntnis

Sonntagspredigt

Auf der Suche

9. Sonntag nach Trinitatis, 18. August

Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet…Ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde. (Philipper 3,7–8).

Um Bilanz und Beziehung geht es in dem Brief, den Paulus an seine Gemeinde in Philippi schreibt. Ein Werk, dessen Trägermaterial beinahe unter der existenziellen Wucht zu zerreißen droht, mit der der Apostel schreibt. Er meldet sich aus dem Gefängnis mit einem Abschiedsbrief am Ende seines Lebens, einem Liebesbrief.

Jedes dieser Genres ist für sich genommen emotional hoch aufgeladen. Aber das alles muss offenbar erst zusammenkommen, damit hinter dem argumentationsstarken Theologen und Gemeindegründer für uns spätere Adressaten auch der Mensch Paulus sichtbar werden kann. Eine gewisse kühle Unerbittlichkeit ist ja nicht nur dem eifrigen Verfolger der Christen zu Eigen gewesen. Sie blieb vielmehr auch nach seiner Lebenswende sein Markenzeichen – vor allem in der gedanklichen Durchdringung der Inhalte des christlichen Glaubens. Aber im Philipper-
brief verändert sich der Ton deutlich. Paulus lässt den Theologen zurücktreten, damit er als Mensch zu sehen ist. Ihm ist um Jesu willen alles ein „Schaden“ geworden, ja er hält es sogar „für Dreck.“

Diese ernüchternde Bilanz bezieht sich eigentlich auf das große Vorher-Nachher in Paulus’ Leben. Aber sie lässt sich noch ausweiten. Die „überschwängliche Erkenntnis Christi Jesu“, von der Paulus im achten Vers schreibt, ist weit mehr als ein Nachdenken über den Glauben. Der Apostel lässt das alles hinter sich, auch die vielen Briefe mit den vielen Argumenten. Und sie dürften manchmal eher Schaden angerichtet haben.

Aber darum geht es im Brief nach Philippi nicht mehr. In diesem letzten Schreiben spricht Paulus von seiner Sehnsucht nach einem Erkennen, wie es den beiden ersten Menschen im Garten Eden widerfahren ist. Eines, von dem er selbst im 13. Kapitel des Ersten Korintherbriefes, im Hohelied der Liebe gesprochen hatte.

Christus gewinnen und in ihm gefunden werden, danach sehnt sich Paulus. Und er muss seinen Freunden in Philippi bekennen, dass sich diese Sehnsucht noch nicht erfüllt hat. Am Ende des Lebens angekommen, in einer ausweglosen Situation, im Gefängnis, hat es Paulus noch nicht ergriffen, sondern jagt ihm nach.

Zwischen den Zeilen ist zu spüren, wie der Apostel seine ganze kühle Unerbittlichkeit Stück für Stück abtut und sich seinen Wunsch nach Beziehung eingestehen kann. Am Ende des Lebens begreift Paulus, dass es im Leben nicht auf Autarkie ankommt, sondern auf Beziehung. Ob du es willst oder nicht: Dein letzter Brief wird doch ein Liebesbrief sein.

Stilles Einverständnis

10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag), 25. August

Niemand wagte mehr, Jesus zu fragen. (Markus 12,34)

Die Pharisäer und Anhänger des Herodes hatten Jesus „in seinem Worten fangen“ (Markus 12, 13), das heißt: aufs Glatteis führen und aus seinen Antworten vielleicht etwas gewinnen wollen, was sich gegen ihn verwenden ließ. Mit Leuten, die Fangfragen stellen, lässt sich nicht gut kommunizieren. Aber das Ziel der Gespräche, die Pharisäer, Sadduzäer und Schriftgelehrte mit Jesus führen, ist ja auch nicht eine Verständigung mit ihm, sondern die Abgrenzung von dem, was er lehrt. Doch Jesus überrascht seine Gegner. Er pariert ihre Angriffe auf dem Feld der ethisch-politischen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Staat ebenso elegant wie die theologischen im engeren Sinn, wie man sich zum Beispiel die Auferstehung vorzustellen hat.

Aber im dritten Anlauf merken dann alle, dass eigentlich nichts zwischen ihnen und Jesus steht. Auf die Frage nach dem höchsten Gebot antwortet Jesus mit dem jüdischen Glaubensbekenntnis, dem Sch’ma Israel, und dem Gebot der Nächstenliebe aus 3. Mose 19,18. Und der Schriftgelehrte bestätigt, dass Jesus recht geredet hat.

Dieser nimmt den Schriftgelehrten mit hinein in das Reich Gottes. Und es wird still. Das Schweigen bedeutet nicht, dass die Beteiligten aktiv oder passiv-aggressiv aufgeben und signalisieren: „Wir werden schon noch sehen, wer Recht hat.“ Es handelt sich vielmehr um ein Schweigen, das echtem Verständnis entsprungen ist. Dann, wenn man sogar die Fragen vergisst.

Wie schön wäre es, zu diesem kostbaren Moment des stillen Einverständnisses zurückkehren zu können. Aber im Markusevangelium ist es damit quasi sofort vorbei. Diesmal ist es Jesus, der gegen die Schriftgelehrten redet. Es ist sozusagen der Auftakt zu der bis heute nicht beigelegten Auseinandersetzung zwischen Juden und denen, die sich in der Nachfolge Jesu sehen.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Juden und Christen einen intensiven Dialog geführt. Aber der heutige Sonntag, der „Israelsonntag“ der evangelischen Kirche, kann immer noch mit zwei unterschiedlichen Schwerpunkten begangen werden. Das zeigen die unterschiedlichen liturgischen Farben. Neben der „Verbundenheit der Kirche mit dem bleibend erwählten Volk Israel“ (Perikopenbuch) kann im Gottesdienst auch die Zerstörung Jerusalems thematisiert werden. Mit diesem Akzent diente der 10. Sonntag nach Trinitatis in der Vergangenheit oft als „Tag christlicher Polemik gegen das vermeintliche blinde und gescheiterte Gottesvolk Israel“ (Perikopenbuch). Die Sehnsucht nach einem stillen Einverständnis zwischen Juden und Christen bleibt.

Dunkle Kapitel

11. Sonntag nach Trinitatis, 1. September

Aber gehe ich nach Osten, so ist er (Gott) nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht. (Hiob 23, 8–9)

Seit 5.45 wird jetzt zurückgeschossen, und von jetzt an wird Bombe mit Bombe vergolten.“ Diese Worte aus Hitlers Rede vor dem Nazireichstag in der Krolloper klangen am 1. September 1939 aus den Volksempfängern. Vor 80 Jahren begann mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, dass die Hitlerrede die erste Hiobsbotschaft war, der noch viele weitere folgten. Und dass daraus das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte werden würde.

Langsam schleicht sich das Unglück auch an Hiob heran. Eben noch pflügen seine Knechte mit seinen Rindern friedlich den Acker. Aber eine Ernte wird es nicht mehr geben. Hiobs Besitz wird zerstört und geplündert. Feuer fällt vom Himmel. Seine Kinder werden von den Trümmern eines Hauses begraben. Am Ende sitzt Hiob auf einem Aschehaufen.

Dann kommen die Freunde zu ihm. Am Anfang tun sie genau das Richtige: Mit Hiob schweigen und dessen Schmerz aushalten. Aber das währt leider nicht lange. In zweiundzwanzig mühsamen Kapiteln versuchen sie, Hiobs Leid wegzureden. Sie sagen: Es wird schon einen Grund dafür geben, dass es dir jetzt so geht. Gott ist schließlich nicht ungerecht. Dein Leid ist die Strafe für etwas, was du falsch gemacht hast. Oder einfach eine Prüfung für deinen Glauben.

Hiob protestiert. Er ist bereit, mit Gott zu streiten. Hier bin ich, sagt er, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Ich war am Anfang dieser Geschichte fromm, rechtschaffen, gottesfürchtig (Hiob 1,1) und – bin es immer noch. Was mir geschehen ist, ist also nicht gerecht. In meinem Leiden ist kein Sinn zu erkennen. Ich sehe nicht, was das alles mit Gott zu tun hat. Ich suche ihn überall. Aber in diesem dunkelsten Kapitel von Hiobs Geschichte ist Gott nicht zu finden.

Auch der Zweite Weltkrieg hat schnell seine Sinnlosigkeit offenbart. Heute, 80 Jahre später, haben wir schon viele Kapitel der Aufarbeitung dessen, was geschehen ist, hinter uns. Und die Erfahrung der absoluten Sinnlosigkeit teilen wir mit Hiob.

Gottes Ebenbild

12. Sonntag nach Trinitatis, 8. September

Und Petrus ergriff den Gelähmten bei der rechten Hand und richtete ihn auf. (Apostelgeschichte 3,7)

Ein Video zeigt, wie sich im Hafen von Malta Retter und Gerettete voneinander verabschieden. Sie umarmen einander zum Abschied und winken. Man spürt, wie verbunden sie sind.

Wenn irgendjemand im Angesicht menschlichen Leids eine gewisse Routine entwickelt haben müsste, wären es ja wohl die Helferinnen und Helfer auf den Rettungsschiffen. Aber Routine und Namenlosigkeit herrschen anderswo, beim Überfliegen der Zeitung am Frühstücks-tisch und am Abend vor dem Fernseher bei der Tagesschau. Wir sind wie die beiden Männer geworden, die den Lahmen jeden Tag zum Tor tragen.

Petrus und Johannes unterbrechen die Routine des Lahmen. Normalerweise würde er sie in seiner üblichen Haltung anbetteln, den Kopf gebeugt, den Blick gesenkt. Jahrelange Erfahrung haben dies bewirkt. Es ist leichter so, für beide Seiten. Aber Petrus und Johannes sind anders. „Sieh uns an“, sagen sie und sehen dem Lahmen direkt in die Augen. Denn die sich an Jesus halten, sehen hin. Das ist die erste Unterbrechung der Routine im Umgang mit dem Leid.

Die zweite Unterbrechung ist noch überraschender: „Silber und Gold habe ich nicht“, sagt Petrus. Und sagt damit: Mit kleinen Münzen ist dem Lahmen nicht geholfen. Sein Leben ist viel mehr wert. Es wird von Petrus wertgeschätzt. Und das ist nicht bloß ein Wort, das vom vielen Benutzen schon abgegriffen ist.

Für Petrus muss der Lahme aufgewogen werden in Silber und Gold. So kostbar ist er. Denn der Lahme ist nicht einfach „der Lahme“, sondern ein Mensch, nach Gottes Ebenbild geschaffen, egal, ob ihn seine Beine tragen können. Petrus kann auf einmal durch die Augen Gottes sehen. Und er erkennt: Es gibt kein Leben, das weniger wert wäre als ein anderes.

Die Hand, die Petrus dem Lahmen entgegenstreckt, ist auch die, die Menschen in das rettende Boot zieht und sie noch stützt auf dem Weg über die Gangway an Land. Wer denkt noch an Silber und Gold, wenn ein kleines Kind in Sicherheit ist oder eine schwangere Frau und ein junger Mann? Doch die Seenotretter werden für schuldig erklärt. Dafür, dass sie handeln, wo andere zusehen.

Ich möchte nicht wie die beiden werden, die den Lahmen getragen haben. Ich möchte vielmehr wie Petrus und Johannes sein, die stehenbleiben, hinsehen und zupacken. Weil es kein fremdes Leid gibt, an dem man vorbeisehen könnte. Und keinen Menschen, dessen Leben weniger wert wäre als mein Leben.


 

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