Wandel in die Zukunft

Der Kirchentag in Dortmund wirkt weiter. Drei Erfahrungsberichte
Kirchentag Dortmund 2019
Foto: Hans-Jürgen Krackher

Was bleibt?

Das Phänomen des tiefgreifenden, aber vor allem schnellen Wandels scheint ein Zeichen dieser Zeit zu sein. Wenn sich alles verändert – wo bleibt der Mensch?

Nicht nur Deutschland muss sich auf gewaltige demographische Veränderungen einstellen. Globalisierung, Digitalisierung und Big Data führen zu tiefgreifenden Konsequenzen in Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Sozialstaat. Der Wandel, welcher auch immer, ist zum Megathema avanciert. Bei Vielen macht sich dabei ein beklemmendes Gefühl der Verunsicherung breit. Nur eins ist klar: Das gesellschaftliche Leben wird sich in den nächsten Jahren weiter verändern. Mit Auswirkungen auf uns alle. Während für einen Teil der Menschen der Wandel Zukunft und Fortschritt bedeutet, dem sie nahezu euphorisch entgegengehen, macht er anderen Angst, bedroht sie mehr, als dass er sie beflügelt. Hier lähmt der Wandel, führt zu Abschottung und wütender Angst. Und er spielt am Ende den Populisten mit ihren einfachen Antworten in die Hände.

Dass das der falsche Weg ist, macht der ehemalige spd-Bundesvorsitzende Franz Müntefering deutlich. Er ruft auf, den Wandel mitzugestalten. „Im Parlament muss die Debatte geführt werden, wie die Welt morgen aussehen soll“, sagt der 79-Jährige im „Zentrum Wandel“ im Dortmunder Union Gewerbehof. Nicht verschweigen, nicht verdrängen ist seine Devise. Sondern aktiv mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Doch was ist für einen guten Wandel dringend erforderlich? Der Katholik Müntefering muss nicht lange überlegen. „Das, was Christen Liebe nennen und in der Gesellschaft Solidarität heißt.“ Dieser Zusammenhalt sei dringend nötig. Doch die innere Sicherheit als oberstes Prinzip habe inzwischen Gerechtigkeit und Solidarität abgelöst.

Angst vor Veränderung

Sicher scheint: Das größte Hindernis vor dem Wandel, vor dem Sich-auf-den-Weg-Machen, das ist oftmals die Angst: die Angst vor Veränderung, vor Ungewissem und Fremden. Weshalb fällt es dem Menschen so schwer, sich in Bewegung zu setzen? Warum gar fürchtet er das Neue?

Die Schweizer Theologieprofessorin Christina Aus der Au weiß Antwort: „Der Mensch eignet sich nicht fürs Werden, er will sein, er will wissen, woran er ist, heute, jetzt und in alle Ewigkeit“, erläutert die reformierte Theologin im Dortmunder Zentrum Wandel. Aber sie weiß auch: Der Wandel ist für das Christsein viel fundamentaler als das Bewahren. Warum? Dafür führt die Schweizer Theologieprofessorin die Schöpfungsgeschichte an: „Gott erschafft den Menschen, weil er seinem ganzen Wesen nach einer ist, der sich wandelt, der sich bewegt und der sich mit jemandem abgeben will.“ Woher dann die menschliche Angst vor dem Wandel?

Zunächst: Der Begriff Wandel kommt aus dem Althochdeutschen wanatalõn. Dieser Wandel sei nicht einfach Veränderung um der puren Veränderung willen. Er habe vielmehr immer etwas zu tun mit einem „Miteinander“. Da brauche es Vertrauen, dass auch und gerade im Neuen, das kommt, Gott gegenwärtig ist. Dazu die Erkenntnis „dass der Wandel der Welt den Gott des Wandels nie und nimmer überholen kann“. Sicher sei: Nicht jeder Wandel ist Gott gewollt, aber „kein Wandel gottverlassen“.

Aus der Au erinnert im Grundsatz an die ecclesia semper reformanda, an den reformatorischen Schlachtruf, dass die Kirche immer wieder zu reformieren ist, sich bewegen, verändern, sich anpassen und wandeln muss. Für sie gilt: „Das protestantische Prinzip besteht in der fortwährenden Kritik des Bestehenden. Immer auf den Wandel drängen. Immer nur suchen, immer kritisieren, immer hinterfragen, immer auf der Höhe der Zeit zu sein, immer selber denken.“

Eine, die den Wandel nicht scheut, ist Gaby Tupper. Seit über zehn Jahren ist sie hiv-positiv, an Depressionen erkrankt und inzwischen viereinhalb Jahre trockene Alkoholikerin. Die Dragqueen hat viel durchgemacht und weiß auf dem Dortmunder Podium im Zentrum Wandel, wovon sie spricht. Fragt man sie nach dem, was im Wandel geholfen, was sie getragen hat, so verweist die 43-Jährige auf ihre Eltern, ihren Freundeskreis und darauf, dass sie zu ihrem christlichem Glauben zurückgefunden hat. Furcht oder gar Angst strahlt Tupper nicht aus, sie ist vielmehr gespannt darauf, was sich in ihrem Leben noch verändern wird.

Ein erlebbarer und sichtbarer Ort des Wandels beim Dortmunder Kirchentag ist der Veranstaltungsort selbst. Der Union Gewerbehof war bis in die Siebzigerjahre hinein Industriegelände des Hoesch-Konzerns. Heute wuchern Bäume im Quartier. Auf dem Gelände der Stahlfabrik arbeiten viele kleine sozial und ökologisch ausgerichtete Unternehmen. Wandel ist möglich.

Kathrin Jütte

 

Kirche im Container

Viel ist möglich, wenn Kirche sich herausbewegt aus den heimischen Gemäuern. Drei Beispiele.

Was für eine Kirche! Sie ist unterwegs zu den Menschen, heute hier, morgen vielleicht schon dort. Sie sucht die Begegnung, gibt Raum zum Ruhen, zu Gesprächen, zur Einkehr und zu Erlebnissen. Sie fällt auf, sie macht neugierig, sie lädt ein. Und sie ist voll mit Menschen. Gibt es nicht? Gibt es doch, und man konnte sie sehen in dreierlei Gestalt auf dem Kirchentag in Dortmund. Dazu musste man zunächst ins „Zentrum Jugend“ gehen, auf den Fredenbaumplatz, auf dem sich zu Kirmeszeiten das Riesenrad dreht. Wenn man die Zeltstadt mit all den Info- und Aktionsständen durchschritten hat, steht man vor der ersten Version dieser Kirche, der „#containerkiezkirche“ der Evangelischen Jugend Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie besteht aus 29 Containern, die geschickt angeordnet unterschiedliche Räume schaffen und auch einen Kirchturm, der über eine Kletterwand bestiegen werden kann. In den Containern finden Gottesdienste statt, aber auch Gesprächskreise zu unterschiedlichen Themen. Gerade geht es um sexuelle Identitäten.

Im „Hof“ zwischen den Containern findet sich eine Gruppe unter einer Discokugel zusammen. Gleich daneben eine Ausstellung zum Thema „Segen“, wer sie durchschreitet, hört segensreiche Worte und wird am Ausgang mit einer feinrieselnden Dusche belohnt. Theologisch kann man darüber diskutieren, als Symbol der Erquickung und Erfrischung funktioniert das bei sommerlicher Hitze hervorragend. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass diese Kirche auch auf anderen Plätzen steht, mitten in der Stadt, die Aufmerksamkeit auf sich zieht und gewiss auch kirchenferne Menschen anspricht.

Mitten in der Stadt

Ein paar Meter weiter, zwischen den Bäumen des angrenzenden Parks dann die andere Version, die Baumhauskirche des cvjm. Vierzig junge Männer und Frauen haben in viereinhalb Tagen einen Ort mit 170 Quadratmetern zwischen Himmel und Erde geschaffen, der Kühle und Schatten spendet. Die Idee stammt aus der Schweiz, ein knappes Dutzend solcher Kirchen steht mittlerweile in Deutschland und den Niederlanden. Sie laden Jugendliche zu Workshops und Camps ein, stehen einige Monate und können dann wieder abgebaut werden.

Die Bäume bleiben unbeschädigt, denn die tragenden Pfeiler, die wiederverwendbar sind, werden mit Seilen befestigt. Die Materialkosten lagen in Dortmund bei knapp sechstausend Euro, dafür entstand ein Erlebnis- und Ruheraum, der auf dem Kirchentag für großes Interesse sorgte.

Und dann war da noch das „Zentrum Kinder“ ein paar Haltestellen entfernt in den Räumen des Dietrich-Keuning-Hauses, einer Jugendfreizeitstätte im Norden der Stadt. Auch hier galt das Prinzip, dass Kirche sich zu den Menschen in den sozialen Brennpunkten aufmacht, mit Spielen, Theater, Musik und biblischen Geschichten im Gepäck. Das war den Machern wichtig, wie schon beim Kirchentag davor in Berlin. Und das Konzept ging auf. Bei der Jonglage trafen sich Menschen, die sich sonst kaum begegnen, und Kirche wurde auch für die Kirchenfernen erlebbar.

Drei Beispiele dafür, dass viel möglich ist, wenn Kirche sich herausbewegt aus den heimischen Gemäuern, nicht nur wartet, dass jemand kommt, sondern hingeht zu den Menschen, die die traditionellen Kirchenportale nicht mehr durchschreiten. Und das alles belebt durch viele junge Christen und Christinnen, die sich
auseinandersetzen mit den wichtigen Fragen der Zeit. Armut, Afrika, Klimawandel, Inklusion, Geschlechterrollen – über all das und über vieles mehr wurde gesprochen und informiert, in und um die mobilen Kirchen herum. Vertrauen in die Zukunft der Kirche? Das fiel hier leicht.

Strephan Kosch

Fremde und Freunde

Kirchentagsberichte blenden meist aus, dass die großen Treffen auch Feste der Begegnungen sind.

Bei der Berichterstattung über den Dortmunder Kirchentag haben sich die Medien auf den Auftritt von Prominenten fokussiert. Oder sie haben, vor allem wenn sie ein konservatives Publikum bedienen wollten, Ungewöhnliches wie den Workshop „Vulven malen“ herausgehoben. So ist ein wichtiger Aspekt zu kurz gekommen, dass nämlich auch dieser Kirchentag ein Fest der Begegnung mit Fremden und Freunden war.

Als ich auf der Fahrt nach Dortmund in Hamm umstieg, traf ich ein Mitglied der berlin-brandenburgischen Kirchenleitung. Wir begegnen uns in Berlin ein paar Mal im Jahr bei dienstlichen Anlässen. Aber erst jetzt ergab sich ein Gespräch über Privates. Die Agrarwissenschaftlerin erzählte, dass sie im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, sprach über ihre betagte Mutter, die sie besuchen wollte, und über ihre Geschwister.

Ende der Siebzigerjahre hatte ich in Tübingen bei einer Party eine Theologiestudentin kennengelernt. Wir pflegten danach keinen Kontakt, aber trafen uns – ohne es zu planen – immer wieder bei Kirchentagen. Sie ist Pfarrerin im Rheinland. In Dortmund unterhielten wir uns über den Ruhestand, der bei mir vor zwei Jahren begann und ihr in drei Jahren bevorsteht.

zeitzeichen in Holland

Als ich auf dem Dortmunder Messegelände vor einem Getränkestand stehe, begrüßt mich ein bärtiger Mann und fragt, wie es mir gehe. Erst bei genauem Hinsehen merke ich, dass er zur Reformierten Kirche in Hamburg gehörte, wo ich öfter predigte. Das ist zwanzig Jahre her. Auf dem Markt der Möglichkeiten treffe ich den Specher der Christen bei den nrw-Grünen. Vor acht Jahren war er Vikar in Berlin, kehrte dann aber in seine westfälische Heimatkirche zurück. Wir umarmen uns und plaudern wie alte Freunde. Am Stand der Jesuiten unterhalte ich mich nach langer Zeit wieder mit einem Angehörigen der Gesellschaft Jesu. Der Ungar, der Ende 20 sein dürfte, strahlt. Er spricht hervorragend Deutsch. In München studiert er Philosophie. Theologiestudium und Priesterweihe werden folgen. Ein paar Schritte weiter stärke ich mich im Café der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands. Die Frau um die 30, die mir gegenübersitzt, erzählt, dass sie aus Tübingen kommt. Und ich erwähne, dass ich in Tuttlingen aufgewachsen bin. Dort sei ihr kürzlich verstorbener Großvater Dekan gewesen, sagt die Theologin. Und wir sprechen über den Mann, den ich als einen wortgewaltigen und humorvollen Prediger in Erinnerung habe.

Als ich auf dem Weg zu einer Veranstaltung auf die S-Bahn warte, spreche ich zwei Männer an, die wohl Mitte siebzig sind. Ihrem Akzent entnehme ich, dass sie aus Holland kommen. Beide sprechen fließend Deutsch. Es stellt sich heraus, dass der eine niederländisch-reformierter Gemeindepfarrer war und der andere, ein altreformierter Theologe, lange in Indonesien lehrte. Bis die Bahn kommt, unterhalten wir uns über die Berliner Theologen Helmut Gollwitzer und Friedrich-Wilhelm Marquardt, deren Werke der Pfarrer studierte, und den Amsterdamer Theologieprofessor Harry Kuitert, einen liberalen Altreformierten, dessen Bücher mich beeindruckt haben. Schließlich erwähnt der Pfarrer, er habe eine deutsche Zeitschrift namens zeitzeichen abonniert und würde sie immer seinem Freund weitergeben. Als ich sage, dass ich für zeitzeichen arbeite, fragt er nach meinem Namen. Ich nenne ihn, er betrachtet mein Gesicht und ruft: „Ja natürlich!“

Auf der Rückfahrt zu meinem Quartier kam ich in der Regionalbahn mit zwei Frauen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie Gebärdendolmetscherinnen sind und diese Tätigkeit beim Kirchentag ausübten. Und ich erfuhr erstmals einiges über die Sprache, in die sie übersetzen.

Small Talk kann beflügeln und haften bleiben, auch wenn keine Freundschaft entsteht. Aber auch Letzteres habe ich bei Kirchentagen erlebt: Vor 30 Jahren, in Berlin, stellte sich die Frage, wo man am besten den Koffer abstellen kann, bevor man zum Abschlussgottesdienst im Olympiastadion aufbricht. Ein Studienfreund verwies auf eine Pfarrerin, die dort in der Nähe wohnte. Am Ende konnte ich nicht nur mein Reisegepäck unterstellen, sondern ließ wie Hildegard Knef einen „Koffer in Berlin“ zurück. Ich freundete mich mit der Pfarrkollegin und ihrem Mann an. Die Beziehung hat gehalten, nachdem ich nach Ulm zurückgekehrt war, zwei Jahre später nach Hamburg wechselte, und sie hat sich vertieft, als ich vor 19 Jahren nach Berlin umzog.

Während des Stuttgarter Kirchentages 2015 besuchte ich einen Gottesdienst der Waldenser. Danach kam ich mit einem württembergischen Theologiestudenten ins Gespräch, der in Rom studiert hatte. Mittlerweile ist er Vikar. Wir mailen und sehen uns gelegentlich. Uns verbindet ein starkes Interesse an der Ökumene. Freunden und Bekannten stellt er mich als „Waldenserfreund“ vor.

Kirchentagsbegegnungen kann man als „Zufall“ interpretieren. Aber mich haben sie so sehr berührt und bereichert, dass ich den Begriff „Fügung“ vorziehe.

Jürgen Wandel


 

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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