Der verdrängte Reformator

Erinnerung an Andreas Karlstadt aus Anlass eines Textfundes
Karlstadt
Fotos: National Gallery Washington/Samuel Kress Collection

Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt (1486–1541), war ein brillanter Kopf der Wittenberger Reformation. Dann überwarf er sich mit Luther und fiel in Ungnade. Zu Unrecht, wie der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann aus Anlass eines Textfundes zum ersten Reformations-Flugblatt konstatiert, das Karlstadt einst entwarf und erstellte.

Ein Hauch von Tragik umweht ihn – Andreas Rudolff Bodenstein, nach seinem fränkischen Herkunftsort Karlstadt genannt. Als er, von begeisterten und bewaffneten Wittenberger Studenten sekundiert, am 24. Juni 1519 zur großen Disputation in Leipzig einfuhr, hatte sein Wagen einen Unfall und er fiel zu Boden. In einem Wagen hinter ihm saßen seine Kollegen Luther und Melanchthon. Die spätere Bemerkung eines Beobachters, das Volk habe in der Panne ein Vorzeichen gesehen, dass Luther siegen, Karlstadt aber unterliegen werde, ist gewiss anachronis-tisch. Denn zu diesem Zeitpunkt, aus Anlass der vor genau 500 Jahren durchgeführten Leipziger Disputation, reisten die Wittenberger gemeinsam. Mehrere Wochen disputierten Karlstadt und Luther und wieder Karlstadt je einzeln mit und gegen Johannes Eck, den gewieften Ingolstädter Startheologen. Es war ein intellektueller Event, der die reformatorische Bewegung publizistisch entfachen und Wittenberg zur studentenreichsten Universität Europas machen sollte.

Karlstadt hatte sich im November 1517 als erster Theologe öffentlich zugunsten Luthers und seiner an dem Kirchenvater Augustin orientierten Gnadentheologie ausgesprochen. Er war Angriffen Ecks öffentlich, mit gelehrten Thesen, entgegengetreten und hatte gezielt auf einen intellektuellen Schaukampf, die Leipziger Disputation, hingearbeitet. Dass Luther als zweiter Wittenberger Teilnehmer in die Arena treten würde, ergab sich erst viel später.

An der Wiege war Karlstadt gewiss nicht gesungen, dass er zum Zweiten, zum ewigen Verlierer werden sollte – im Gegenteil. Der ‚Sieg’ Luthers über ihn, den Mitstreiter der ersten Stunde, war das Ergebnis einer tiefgreifenden Entfremdung, die erst im Frühjahr 1522, bei der Rückkehr des barttragenden Exulanten von der Wartburg, allenthalben sichtbar wurde.

Fortan galt Karlstadt für Luther und dessen Anhänger als Schwärmer, notorischer Bilderstürmer, Apostat. Luther hatte über ihn gesiegt; die engen Verbindungen, die vorher bestanden und die Ausgangsbasis der Wittenberger Reformation gebildet hatten, verfielen einer damnatio memoriae. Der auch physisch verdrängte Reformator der ersten Stunde fand schließlich außerhalb Sachsens, in der Schweiz, Überleben und Auskommen. Als Karlstadt 1541 in Basel an der Pest verstarb, verbreitete Luther, dass der Teufel ihn geholt habe. Auch dies ein dunkler Fleck auf der Weste des sächsischen Reformationsalphatiers. Im Unterschied zum Bild des ‚hässlichen Ketzers’, das das Luthertum von Karlstadt tradierte, spricht vieles dafür, dass der historische Bodenstein durchaus ansehnlich war. Wahrscheinlich hat ihn Cranach 1522 aus Anlass seiner Eheschließung in Öl gemalt, ein hübscher Kerl!

Kein Verlierer

Karlstadt zu rehabilitieren, ihn ins Recht zu setzen, ihm eine Rettung Lessingschen Ausmaßes zuteilwerden zu lassen, wird nach fast fünfhundert Jahren der Diffamierung des Aufrührers und Bilderstürmers wohl eine vergebliche Mühe bleiben. Doch der Historiker hat die Pflicht, offene Situationen zu rekonstruieren und retrospektivische Wertungen infrage zu stellen. Demnach ist eines klar: Karlstadt war zunächst kein Verlierer; er war vielfach der Erste. Ein blutjunger Karrieregeistlicher, Stiftsherr, Archidiakon in Wittenberg, Doppeldoktor der Theologie und beider Rechte, profund gelehrter Scholastiker, glühender Erasmus-, Reuchlinverehrer und für den Humanismus offen, ‚Doktorvater’ des akademischen Spätentwicklers und Bettelmönchs Luther.

Als es dann weiter ging, als Luther und er im Frühjahr 1517 theologisch zu einander gefunden hatten, war Karlstadt in mancher Hinsicht wieder der Erste: Als erster heftete er Thesen zugunsten der Gnadenlehre Augustins an, am 26. April 1517. Hinsichtlich der Form, in der das geschah (gedruckte Thesen als Aushang; kein Disputationsdatum; adressiert an eine Öffentlichkeit über Wittenberg hinaus), und des Zeitpunkts – eines mit reichen Besucherzahlen verbundenen Ablassfestes –, nahm Karlstadt vorweg, was Luther einige Monate später, am Vortag von Allerheiligen, am 31. Oktober 1517, ungleich folgenreicher, mit seinen 95 Thesen tun sollte. Karlstadt blieb zunächst ‚Erster’: der erste Wittenberger Theologe, der mit hebräischen Buchstaben drucken ließ, der erste, der den Zölibatsbruch öffentlich rechtfertigte und selbst in den Ehestand eintrat, der erste, der die Gelübde öffentlich attackierte, der erste, der das Abendmahl unter beiderlei Gestalt – und zwar in Gegenwart aller Wittenberger Autoritäten von Rang – austeilte, der erste, der eine reformatorische Kirchenordnung verfasste, auch der erste, der über die Bedeutung des Schriftprinzips beziehungsweise des Kanons systematisch reflektierte. Später war er der erste, der die leibliche Gegenwart Christi in Brot und Wein bestritt und den innerreformatorischen Abendmahlsstreit auslöste. In Gestalt unterschiedlicher evangelischer Kirchen und Denominationen halten dessen Folgen bis heute an. Zu einem Zweiten, einem Verlierer, wurde er, weil der von der Wartburg zurückkehrende Prophet Luther Kritik auf Augenhöhe nicht duldete.

Auch in medienpraktischer Hinsicht war Karlstadt ein Erster: beim Einsatz illustrierter Flugblätter zugunsten der reformatorischen Botschaft. Im Frühjahr 1519 erschien ein in enger Abstimmung mit ihm von Lukas Cranach hergestellter großformatiger Holzschnitt – der „Wagen“. Er ist mit 53 kleinen Textfeldern durchsetzt. Menschen unserer Tage erinnert er unweigerlich an einen Comic. Auf zwei Ebenen fahren zwei Karren in entgegengesetzte Richtung. Der antithetischen Bildkonzeption entspricht eine gegensätzliche Botschaft: Der von einem Gespann mit acht Pferden gezogene obere Wagen führt zum Heil – symbolisiert durch den hinter einem Kreuz, ein mystisches Motiv, stehenden Christus. Der untere Wagen, in dem ein feister Mönch die Willensfreiheit und die guten Werke propagiert, rauscht in den Höllenschlund.

Die Herstellung des Flugblatts mit einer Größe von circa 30 x 40 cm war gewiss sehr langwierig und teuer. Die wesentlichen Kosten dürfte Karlstadt selbst getragen haben, der sich auch um die Verbreitung bemühte und dafür die Kurierdienste des sächsischen Hofes in Anspruch nahm. Exemplare des ersten reformatorischen Einblattdrucks gingen zu Multiplikatoren nach Erfurt, Nürnberg und Augsburg; unter ihnen war auch Deutschlands berühmtester Künstler: Albrecht Dürer. Dürers Reaktion ist nicht überliefert, aber sie wird freundlich gewesen sein. Denn zwei Jahre später, im November 1521, widmete Karlstadt dem fränkischen Landsmann eine Schrift über das Abendmahl. Insgesamt drei Exemplare der deutschen Fassung des „Wagens“ sind seit etwa einem Jahrhundert bekannt – deutlich mehr als bei den meisten anderen Einblattdrucken, die die Reformation später hervorbrachte.

Vor der deutschen Ausgabe des „Wagens“ hatte Karlstadt eine lateinische Version, den „Currus“, abgefasst. Sie war bisher nur in einem Fragment bekannt, auf das Konrad von Rabenau 1983 hingewiesen hatte. Als Oberkirchenrat in der Evangelischen Kirche der Union (uke, heute uek) hat sich von Rabenau große Verdienste um die Erfassung, Sicherung und zentrale Katalogisierung historischer kirchlicher Buchbestände im Gebiet der ddr erworben – ein Projekt, das in mancher Hinsicht nach Fortsetzung ruft. Rabenau fand das Fragment in Nordhausen; es besteht aus zwei Stücken. (Siehe Bild Seite 42) Heute wird es in der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek in Wittenberg aufbewahrt.

Aufgrund des Fragments war bisher nur etwa ein Drittel des lateinischen Textes des „Currus“ bekannt. Das hat sich nun geändert. Zwei Mitarbeiter der in Göttingen entstehenden Kritischen Gesamtausgabe der Briefe und Schriften Karlstadts, Harald Bollbuck und Alejandro Zorzin, stießen auf einen langen handschriftlichen Eintrag im hinteren Vorsatzblatt eines Exemplars von Karlstadts Schrift „Verba Dei“ (1520), das sich im Bestand der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg befindet.

Aufgrund der textlichen Übereinstimmungen mit dem Fragment war den Forschern rasch klar, worum es sich bei dem Eintrag handelte: Den vollständig abgeschriebenen Text sämtlicher Textfelder der lateinischen Version des ersten reformatorischen Bildflugblattes überhaupt.

Begierig gelesen

Der Band stammt aus dem Besitz des Augsburger Benediktinermönchs Veit Bild, eines Humanisten der zweiten Reihe, der mit manchen Großen seiner Zeit korrespondierte und als Mathematiker und Instrumentenkundler geschätzt war. Der sächsische Kurfürst Friedrich bestellte bei ihm Fenstersonnenuhren in hoher Stückzahl. Veit Bild verfolgte die Anfänge der Reformation aufmerksam und mit großer Sympathie. Er korrespondierte mit einigen ihrer frühen Protagonisten und bewunderte vor allem Luther, dessen Schriften er begierig las. Doch in den Jahren 1518–1520 stand neben – und nicht nur unter oder gar gegen – Luther sein Kollege Karlstadt. Auch dessen Werken brachte Bild Interesse entgegen.

Weil Veit Bild den vollständigen Text des „Currus“ abschrieb, ist die lateinische Erstfassung des ersten reformatorischen Bildflugblatts nun vollständig rekonstruierbar. Warum er das tat, ist unbekannt – entweder, weil er das Blatt nur kurze Zeit zur Verfügung hatte oder weil er seinen Inhalt durch den Eintrag in ein Buch sichern wollte – im Wissen um die prekären Überlieferungsbedingungen von Einblattdrucken.

Die Texte des „Currus“ zeigen Karlstadt als Autor, der im Stil der humanistischen „Dunkelmännerbriefe“ – fiktiver Satiren aus den Jahren 1515–1517, die in Briefform die ignoranten „Scholastiker“ entlarvten und Johannes Reuchlin gegen deren Angriffe verteidigten – Kollegen der Universität Leipzig attackierte. Sein zentrales Anliegen ist die rechte Buße und Rechtfertigung des Sünders, der in der oberen Bildhälfte, im Wagen sitzend, dargestellt ist. Während die Theologen in der unteren Bildhälfte auf den „freien Willen“ und die „guten Werke“ setzen und auf die Hölle zurasen, folgt der reuige Sünder Paulus und Augustin – den beiden Reitern in der oberen Bildhälfte –, geht den Weg der Anfechtung und des Zweifels und findet allein in der Gnade Gottes Halt und Heil.

Karlstadts Flugblatt, das in seiner lateinischen Version – wie wir jetzt sehen – deutlich polemischer ausgefallen ist als in der deutschen, stellt den bemerkenswerten Versuch dar, die komplexe Gnadentheologie der „Wittenberger Schule“, die seit 1517 als deren ‚Markenzeichen’ propagiert wurde, in einer für Gelehrte und Laien fasslichen, didaktisch ausgefeilten Form zu präsentieren. Mit Hilfe des Künstlers Cranach führte er vor Augen, dass allein der Verzicht auf jede Selbständigkeit, auf jeden Anspruch, etwas ‚vorweisen’ zu wollen, die dem barmherzigen Gott entsprechende Haltung ist. Zu diesem Zweck verband er Text und Bild. Gewiss – die inhaltliche Ambition des skrupulösen, detailversessenen Theologen Karlstadt hat dazu geführt, dass das Bild textlich überfrachtet wurde. In der deutschen Fassung fügte er sogar noch eine Überschrift ein, die auf eine „Auslegung des Wagens“ verwies – eine eigene Flugschrift, in der Karlstadt auf Dutzenden von Seiten darlegte, wie das Blatt zu verstehen sei. Doch die Unvollkommenheit der Ausführung ändert nichts daran, dass hier ein Versuch der text-bildlichen Elementarisierung reformatorischer Theologie vorliegt, der seines Gleichen sucht. Keiner der anderen Reformatoren hat ein ähnliches Projekt vorgelegt.

Karlstadt war ein origineller Kopf, der erheblich dazu beitrug, dass „die Wittenberger“ viele, nicht zuletzt junge Menschen, in ihren Bann zogen. Dass Luther ihn, den Vertreter einer an der Gemeinde orientierten und von dieser getragenen Reformation, verdrängte, war folgenreich. Sich jetzt, am definitiven Ende des „konstantinischen Zeitalters“, seiner zu erinnern, ist ein Gebot historischer Redlichkeit und theologischer Vernunft.


 

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Foto: Adrienne Lochte

Thomas Kaufmann

Thomas Kaufmann ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen


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