Die Lebenswelt im Blick

Wie Kirche und Diakonie das soziale Miteinander im Quartier stärken können
Foto: Marian Nestmann
Foto: Marian Nestmann
Grünberg/Hessen: Ehrenamtliche lehren im „sozialen Ort für Alle“ Geflüchteten Deutsch.

Menschen sind heute mehr denn je auf Netzwerke angewiesen. Das betrifft auch die Diakonie und die Kirchengemeinden, denn sie sind wichtige zivilgesellschaftliche Akteure und müssen sich verstärkt dem Gemeinwesen öffnen, meint Stefan Gillich, Experte für gemeinwesenorientierte Arbeit der Diakonie Hessen.

Begegnungszentrum Langen, eine kleine Stadt mit 37 000 Einwohnern zwischen Darmstadt und Frankfurt/Main. Der Stadtteil war und ist ein Viertel mit besonders heterogener Bevölkerungsstruktur: Familien, ältere und alte Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und so genannte Bildungsferne, neuerdings auch geflüchtete Menschen. Die meisten leben finanziell bescheiden. Gerade für ältere Menschen gab es im Stadtteil kaum Begegnungs- und Kommunikationsorte. Das änderte sich, als ab Mitte 2015 auf Initiative der Evangelischen Kirchengemeinde Langen (Hessen) das Begegnungszentrum für ältere Menschen zu einem stadtteilorientierten, generationenübergreifenden, interkulturellen Begegnungszentrum erweitert wurde. In einem ersten Schritt wandte man sich den oft kirchlich gebundenen so genannten Russlanddeutschen zu, für die Kirche und Gemeinde im besten Sinne auch Heimat bedeutet.

Gemeinsam mit der Evangelischen Familienbildung, dem Diakonischen Werk, den städtischen Kooperationspartnern, mit älteren Menschen und Geflüchteten ging es darum, bedarfs- und beteiligungsorientierte Angebote zu entwickeln, auszubauen und zu koordinieren. Heute sind Mitarbeitende der Diakonie als Ansprechpartnerinnen im Flüchtlingsbüro des Hauses erreichbar. Auszubildende im Servicebereich einer Produktionsschule des Zentrums für Weiterbildung haben die Möglichkeiten des Begegnungszentrums entdeckt und bieten seit drei Jahren zweimal wöchentlich für alle Besucher ein Mittagessen an, welches auch Beschäftigte aus der Region gerne nutzen.

So werden Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Kulturen ermöglicht. Durch die gemeinwesenorientierte Arbeit für und mit älteren Menschen sind Kirchengemeinde und Diakonie im Quartier und in der Stadt Langen präsenter und sichtbarer geworden und die Nachhaltigkeit zwischenzeitlich durch eine feste Stelle abgesichert.

Das Begegnungszentrum Langen steht als Beispiel für eine Kirchengemeinde, die sich – gemeinsam mit der Diakonie und weiteren (zivil)gesellschaftlichen Akteuren – auf den Weg gemacht hat. Was Menschen bewegt und beschäftigt, wird von Mitarbeitenden der Kooperationspartner wahrgenommen und versucht, gemeinsam mit den Menschen eine Lösung herbeizuführen. Dafür werden auch eigene Ressourcen zur Verfügung gestellt. Der Auftrag von Kirche und ihren Gemeinden ist, Menschen zu unterstützen, damit die eigenverantwortliche Gestaltung gelingenden Lebens möglich ist. Dabei spielen tragende Nachbarschaften und die Entwicklung von Netzwerken im Sinne eines solidarischen Miteinanders eine bedeutende Rolle.

Politisches Evangelium

Am Beispiel der Stadt Langen zeigt sich, dass gemeinwesenorientierte Arbeit für Kirche und ihre Diakonie unverzichtbar ist. Mit dieser Haltung sind Kirche und Diakonie Teil der Lebenswelt der Menschen, wahrnehmbar und attraktiv. Kirche braucht ihre diakonische Dimension, sonst ist sie nicht Kirche. In vielen evangelischen Ortsgemeinden ist jedoch ein Funktions- und Bedeutungsverlust wahrnehmbar. Um in Zukunft bestehen zu können, braucht Kirche einen gemeinde- und gemeinwesenorientierten Fachdienst, da solidarisches Handeln zunehmend der Anregung, Beratung und aktivierenden Begleitung bedarf. Gemeinwesenorientierung ist die Schnittmenge der Verknüpfung von Ortsgemeinden, Diakonie und Zivilgesellschaft. Wenn die gottesdienstlichen Versammlungen einer Kirchengemeinde das liturgische Zentrum der Gemeindearbeit bilden, so muss der „Gottesdienst im Alltag“, in der Nachbarschaft, im Stadtteil, im Quartier oder im Dorf genauso ernstgenommen werden. Auch dies ist in gleicher Weise Gottesdienst und nicht beliebig: Es ist das alltägliche Handeln des „Wortes“.

Der Lebensalltag der Menschen spielt sich im „Nahraum“ ab. Die Nachbarschaften strukturieren die sozialen Beziehungen der Menschen und ermöglichen, durch soziale Beziehungen an tragenden, solidarischen Netzen zu knüpfen. Chatten kann jeder im Internet, doch den fehlenden Kaffee und das fehlende Mehl leihen sich der Nachbar und die Nachbarin aus.

Kirchengemeinde und Diakonie wird oftmals unterstellt, es liege in ihrer Entscheidung, ob und inwieweit sie sich einmischen sollen in Prozesse vor Ort. Diese Freiwilligkeit ist falsch: Denn das Evangelium ist politisch. Kirchengemeinde und Diakonie nehmen immer eine gesellschaftspolitische Rolle wahr, indem sie zum Beispiel an der Verbesserung von Lebensverhältnissen beteiligt sind wie in der offenen Jugendarbeit, Beratungsdiensten, Seniorentreffs, Kindertagesstätten oder in Besuchsdiensten. Diese Rolle müssen sie annehmen und Gesellschaft mitgestalten.

Und das Evangelium und das Handeln, das daraus folgt, betrifft das ganze Leben. Dies gilt für alle Menschen, die sich durch das Evangelium Jesu Christi treffen und betreffen lassen, die sich in seinem Namen zusammenschließen und auf den Weg machen: Sie sind seine Gemeinde. Die Multidiversität – sozial, kulturell wie religiös – sowie das Aufbrechen alter Handlungsverbünde fordern Gemeinden und Diakonie heraus, ihre Identität zu erhalten und zugleich selbstbewusst ihren Beitrag im sozialräumlichen Entwicklungsprozess zu leisten. Tafelarbeit und Suppenküchen als Armenspeisung können von Ehrenamtlichen realisiert werden. Doch bleibt sie ohne ein sozialraum-, beteiligungs- und aktivierungsorientiertes Konzept der Gemeindearbeit zufälliger und beliebiger Ausdruck engagierter Nächstenliebe.

Die gemeindliche Diakonie entwickelt sich dort, wo die Kirchengemeinde das soziale Feld als Herausforderung annimmt und tätig wird. Eine diakonische Gemeinde ist eine Gemeinde, die sich betreffen lässt von dem, was Menschen beschäftigt und belastet. Auf diese Weise können sich Verkündigung und soziales (diakonisches) Handeln gegenseitig durchdringen.

In der Sozialen Arbeit gibt es – vereinfacht – zwei wesentliche inhaltliche Stränge: Um einem/einer Hilfesuchenden in einer konkreten Lebenslage zu helfen, werden Einzelhilfen angeboten, von materieller Hilfe über Beratung bis hin zu Therapie. Im Mittelpunkt steht die/der Hilfesuchende in ihrer/seiner konkreten Notsituation und bedarf für einen (begrenzten) Zeitraum professioneller Unterstützung. Diese Notlage erscheint isoliert und ist mit einem bestimmten Spektrum von Maßnahmen zu bearbeiten. Demgegenüber steht ein Verständnis einer/s Hilfesuchenden, das diese(n) als integrierten Bestandteil eines ökologischen und sozialen Zusammenhangs sieht. Nach diesem Verständnis ist die/der Hilfesuchende geprägt durch seine sozialen und materiellen Lebensbedingungen, seine Umwelt und die Wohnbedingungen, in denen er/sie lebt. Gleichzeitig ist er/sie aber auch in der Lage, Einfluss auf diese Faktoren auszuüben, Entscheidungen zu treffen und das Leben selbst zu gestalten. Für die Soziale Arbeit ist die sozialräumliche Orientierung von zentraler Bedeutung, weil auch soziale Probleme einen Raumbezug haben (siehe auch Sebastian Kurtenbach, Seite 25). Das Leben im Sozialraum, in der Nachbarschaft, in der Kirchengemeinde, im Kirchenkreis oder im Stadtteil muss zum Anknüpfungspunkt werden für das Verstehen und Bearbeiten der Belastungen, Krisen und Notlagen der hier lebenden Menschen. Es wird nach Faktoren für Belastungen, aber auch nach Ressourcen zu deren Bewältigung im Sozialraum gefragt. Mit diesem Perspektivenwechsel erweitern sich die Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten von der angebotsorientierten, institutionell orientierten Arbeit hin zu Konzepten der Gestaltung von Lebensräumen im Sinne der Menschen. Diese Perspektive sieht die Menschen eingebettet in soziale Beziehungen, Institutionen, Wohnumfeld und Arbeitswelt.

Sozialer Arbeit geht es um die Bearbeitung sozialer Probleme. Gemeinwesenorientierter sozialer Arbeit geht es um die Verbesserung der Lebensbedingungen in sozialen Räumen, in Nachbarschaften und Quartieren im Sinne der dort lebenden Menschen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Menschen nur bereit sind, sich für etwas zu engagieren, wenn es in ihrem eigenen Interesse ist und sie von der Notwendigkeit überzeugt sind, gilt es herauszufinden, was die Menschen denken und fühlen, was sie als veränderungswürdig ansehen und was sie selber bereit sind zu tun, damit sich etwas verändert. Gemeinwesenorientierte soziale Arbeit richtet sich ganzheitlich auf den Stadtteil und nicht pädagogisch auf einzelne Individuen. Sie arbeitet mit den Ressourcen des Stadtteils und seiner Bewohner und Bewohnerinnen und fördert Selbstorganisation und Selbsthilfe. Sie orientiert sich an dem, was Menschen bewegt, diese für wichtig erachten, und bearbeitet sie gemeinsam mit ihnen. Sie sucht und fördert die Motivation der Menschen zur Verbesserung ihrer Lebenslage. Sie fördert gebietsbezogene soziale Netzwerke der dort lebenden Menschen. Sie arbeitet nicht nur mit einer Adressatengruppe, sondern übergreifend auch mit denjenigen, die von dem entsprechenden Themenfeld betroffen sind und sich betreffen lassen. Mit dieser Sichtweise ist nicht zwangsläufig ein ausgewiesenes Tätigkeitsfeld ausgedrückt, sondern vielmehr ein Arbeitsprinzip, eine Grundhaltung, ein Blickwinkel, eine bestimmte Form der Herangehensweise an Themen- und Problemstellungen.

Orientierung aufs Quartier

Die gemeinwesenorientierte Arbeit bietet das Grundverständnis und das notwendige Methodenrepertoire, um qualitative Beiträge zur Aktivierung, Beteiligung und Selbstorganisation der Menschen im Stadtteil zu leisten – im Sinne diakonischer und kirchengemeindlicher Arbeit. Im Gegensatz zu klassischen Beratungsansätzen Sozialer Arbeit verlagert die sozialräumliche Sichtweise ihr Hauptaugenmerk von Individuen auf deren direkte Lebensumwelt und versucht, auf der Ebene der kleinräumigen, überschaubaren Strukturen – gemeinsam mit den Menschen – Veränderungsprozesse zu erreichen.

Kirche und ihre Diakonie haben Kontakt zu Lebenswelten vieler Menschen, sie können hierüber das Miteinander im Quartier stärken. Teilhabeorientierung, die Bekämpfung der Folgen von Ausgrenzung und Armut sowie lokale Verankerung gehören zu den Leitlinien kirchlich-verbandlichen Handelns. Kirche und Diakonie sind für die Menschen da – nicht andersherum. Kirchengemeinde und Diakonie müssen sich notwendigerweise auf die Quartiere orientieren, in denen Probleme wachsen, in denen Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Wohnungsnot, Überschuldung beheimatet sind. Die Öffnung von Einrichtungen in und für den Stadtteil als niedrigschwellige, verlässliche Kommunikationsräume, zum Beispiel als offener Stadtteilladen, Begegnungshaus oder Stadtteilcafé mit der Förderung von Selbsthilfeformen und -initiativen, kann eine Möglichkeit sein, nützliche Dienstleistungen anzubieten, und reicht bis zur Suche nach Bündnispartnern im Gemeinwesen.

Wie schön kann es sein, wenn in Gemeinderäume (wieder) Leben einkehrt, weil sie offen und ausgerichtet sind auf das, was Menschen aus dem Gemeinwesen bewegt. Dies sind Orte der Identifikation und Teilhabe. Es müssen Räume sein, in denen sich Menschen wohlfühlen können, keine „pädagogische Bearbeitung“ zu befürchten haben und an ihren sozialen Netzen stricken können – ohne an eine Dienstleistung als Gegenleistung gekoppelt zu sein.

Offen sein für Ausgegrenzte und Benachteiligte ist ein zentrales Anliegen des christlichen Glaubens. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, heißt es in der Bibel. Dazu gehört auch gesellschaftspolitisches Engagement, um die Rahmenbedingungen für benachteiligte und ausgegrenzte Menschen zu verbessern. In Ansätzen ist in der Praxis eine gemeinwesenorientierte Gemeindeentwicklung wie die Öffnung der Gemeinde für Menschen im Stadtteil oder Gemeindediakonie zu erkennen. Diese gilt es weiterzuentwickeln, nicht zuletzt, um Menschen zu erreichen, die für die Kirche ansonsten verloren gehen – und denen die Kirche ansonsten verloren geht. Eigene Milieugrenzen können überschritten und die Akteure (wieder) zu gefragten zivilgesellschaftlichen Akteuren werden.

Menschen sind zunehmend existentiell auf die Entwicklung und den Aufbau von Netzwerken und Nachbarschaften angewiesen. Die Diakonie und die Kirchengemeinden müssen sich verstärkt in die wohnungs- und arbeitsmarktpolitischen Zieldiskussionen einmischen. Geboten ist eine Öffnung in das soziale und sozialpolitische Gemeinwesen. Gemeinwesenorientierung ist insofern eine zwingende Handlungsebene bei dem Ziel, zum Wohl von Menschen Teil eines tragenden sozialen Netzes zu werden.


 

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Stefan Gillich

Stefan Gilich ist Abteilungsleiter für Existenzsicherung, Armutspolitik, Gemeinwesendiakonie in der  Diakonie Hessen, Frankfurt am Main


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