Netzwerk Nachbarschaft

Über neue Formen des Miteinanders in der Single-Gesellschaft
Foto: akg-images/euroluftbild.de
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Blick auf ein Wohngebiet in Baesweiler im Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg lebt erstmalig die Mehrheit der Deutschen nicht mehr in Familienhaushalten. Mobil und unabhängig lebt man am besten als Single. Doch wer oft umzieht oder pendelt, verliert die alltägliche soziale Einbettung in der Nachbarschaft. Über die Folgen berichtet die evangelische Theologin Cornelia Coenen-Marx.

Alle Dörfer bleiben.“ – Die Videos auf der Internetplattform Alle Dörfer bleiben haben mich hingebracht. Nach Keyenberg, Kuckum, Berverath, Oberwestrich, Unterwestrich – in die Dörfer, die einmal zu meiner Wickrather Kirchengemeinde gehörten; an das Krankenhaus in Immerath, wo ich gelegentlich Besuche machte, und den Immerather Dom, der inzwischen abgerissen wurde. Auf meiner Homepage wurde das Abrissvideo zigmal geklickt. Und auf YouTube war ich virtuell mit „Ende Gelände“ unterwegs im Tagebau von Garzweiler, und es erinnerte mich an den Betriebsausflug damals in den Achtzigern, als ich ganz real bei „Rheinbraun“ war. Zur Ansicht des Werbefilmes über die Umsiedlungspläne, bei Kaffee und Kuchen, versteht sich. Draußen, unter den riesigen Baggern, begriff ich, dass viele den Abbau als schicksalhaft hinnahmen. Über den Gemeinden und ihren Kirchenvorständen lag eine lähmende Ohnmacht – zu viele waren abhängig von diesem großen Arbeitgeber und Ausgleichszahler. Nur die Landwirte kämpften schon früh um den über Generationen kultivierten Mutterboden. Vergebens.

Mehrere Dörfer sind inzwischen umgesiedelt, in den alten Ortschaften leben vorübergehend Migranten – hin und her gerissen die Bewohnerinnen und Bewohner. Das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ kommt spät und erinnert daran, dass Heimat mehr ist als eine Sammlung von Eigenheimen.

Heimat, das ist kultivierter Boden, aber auch gewachsene Sozialkultur – „Glaube – Sitte – Heimat“, der Fahnenschwur der Schützenbruderschaft, verspricht Identität im Vertrauten. Heimat in der Fremde und mit Fremden, das begreife ich, muss mehr bieten als ein Stadtentwicklungsprogramm, mehr als inklusives Quartiersmanagement. Heimat braucht ein reges Vereinsleben, eine lebendige Kirchengemeinde, eine bunte Parteienlandschaft, engagierte Geschäftsleute, vielleicht auch einen gemeinsamen Dialekt, den Zuziehende lernen können. Menschen, die den Geist eines Ortes prägen. Vor allem: Vertrauen in der Nachbarschaft.

Getrennt durch eine Wand

Was früher die Dorfgemeinschaft war, verstehen wir heute als nachbarschaftliches Netzwerk, das alle trägt und eben Heimat bildet. Je mobiler die Gesellschaft, je mehr Optionen und Lebensstile, desto wichtiger wird der Lebensraum, in dem wir uns selbstverständlich und ungezwungen bewegen können, weil wir dazugehören. Heimat, das ist die Stadt, von der ich „Wir“ sagen kann. Die Nachbarin, mit der mein Schicksal verbunden ist. Getrennt oft nur durch eine Wand. Auch ohne Braunkohleabbau verändern sich die Nachbarschaften. Junge Leute ziehen in die prosperierenden Regionen; zurück bleiben die Älteren, weniger Beweglichen, die häufig Wohneigentum haben, das sich in schrumpfenden Regionen kaum verkaufen lässt. Während die Väter die Woche über unterwegs sind, bleiben die Mütter mit ihren Kindern zurück. Alleinsein, Einsamkeit, das Zerbrechen der hergebrachten sozialen Bezüge – das sind nicht nur emotionale Herausforderungen. Familien mit kleinen Kindern, auch alte oder kranke Menschen geraten bei der Bewältigung des Alltags besonders unter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverständliche Hilfe von Angehörigen zurückgreifen können.

Die familiären Netze sind heute bis zum Zerreißen weit gespannt. Zum ersten Mal lebt die Mehrheit nicht mehr in Familienhaushalten; mobil und unabhängig lebt man am besten als Single. Wer allerdings öfter umzieht oder pendelt, verliert auch die alltägliche soziale Einbettung in der Nachbarschaft. Denn auch die Stadtviertel verändern sich schnell – angestammte Mieter müssen ausziehen, andere ziehen in die dann schick sanierten Viertel. Ladenzeilen verschwinden, und auf den Straßen hört man andere Sprachen.

Die vormoderne Nachbarschaft war eine Schicksalsgemeinschaft; noch in den niederrheinischen Dörfern waren Wohnen und Arbeiten eng verbunden. Wer überleben wollte, war auf die anderen angewiesen. Das ist heute anders. „Man hilft sich gelegentlich, vermeidet aber zu große Nähe“, erklärt der Stadtforscher Klaus Siebel. Als Grund nennt er die zunehmende Urbanisierung: „Nachbarschaft bedeutet auch immer soziale Kontrolle. Und eines der großen Versprechen von Städten ist, dieser Beobachtung zu entgehen.“ Freundlich grüßen, die Post annehmen und ansonsten in Ruhe gelassen werden: Viele Menschen wünschen sich nicht mehr von ihren Nachbarn. Die Hamburger Journalistin Kübra Gümüsay erzählt in Bref – der Zeitschrift für die Reformierten – von einer Begegnung mit dem Spielfreund ihres kleinen Sohns und seiner Mutter, einer Sängerin aus Südafrika. Beim Abholen nach dem Spielen hatte sie sie kurz in die eigene Wohnung gebeten und erfährt dann bei der Abschiedsumarmung, dass sie die Erste war, zu der die Südafrikanerin eingeladen wurde. Nach elf Jahren. „Am Abend schrieb ich darüber auf einer sozialen Plattform. Und mich erreichten Dutzende Nachrichten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Junge und ältere Menschen, die ähnliches berichteten. Allen fehlte der Kontakt zu Nachbarn, zu anderen Müttern oder Bekannten.“

„Wir haben nach einer verbindlicheren Form der Nachbarschaft gesucht“, sagt Ulrich Thomsen, der die Wohnanlage am Brockwinkler Weg 72 in Lüneburg mit initiiert, geplant und gebaut hat. Dort leben insgesamt 53 Erwachsene und 23 Kinder. „Wir unterstützen uns gegenseitig; einige teilen sich zum Beispiel zu mehreren ein Auto. Die Kinder finden hier viele Spielkameraden, und wenn sie aus der Schule kommen und niemand bei ihnen zu Hause ist, können sie problemlos zu einer der anderen Familien gehen.“

Im Zentralgebäude findet sich auch ein Gemeinschaftsraum, in dem die Bewohner an manchen Tagen gemeinsam frühstücken oder Filme schauen. Außerdem finden alle drei bis vier Wochen gemeinsame Treffen statt – zu alltäglichen Organisationsfragen, aber auch zu Themen wie Krankheit oder Sterbebegleitung. Wohnprojekte wie in Lüneburg, Genossenschaften wie Schloss Blumenberg in Bayern oder auch Mehrgenerationenhäuser ziehen vor allem junge Familien und Senioren, aber auch Menschen mit Behinderung an. Sie alle sind auf eine funktionierende Nachbarschaft angewiesen.

In einer Studie der Universität Frankfurt gaben fast zwanzig Prozent der befragten 70- bis 89-Jährigen an, in der Woche zuvor ihre Wohnung kaum verlassen zu haben. 3,1 Millionen Männer, aber nur 2,3 Millionen Frauen zwischen 70 und 79 haben eine Fahrerlaubnis. Gerade die Frauen sind schnell in ihrem Aktionsradius eingeschränkt, wenn der autofahrende Partner pflegebedürftig wird oder stirbt. „Wenn wir nicht allein bleiben und nicht nur privatisieren wollen, dann brauchen wir Räume, wo wir hingehen können. Um andere zu treffen. Um uns auszutauschen. Um gemeinsam etwas zu tun. Um uns als gesellschaftliche Wesen zu erleben“, schreibt Lisa Frohn in Ran ans Alter.

In vielen Kirchengemeinden treffen sich Ältere zu einem Mittagstisch; da wird gemeinsam eingekauft, reihum gekocht, Rezepte werden ausgetauscht und Geschichten erzählt. Und wenn jemand fehlt, fragt bestimmt eine andere nach. Eine Caring Community. Aber auch Stadtteilzentren, Sozialstationen und Kommunen organisieren Nachbarschaftsnetze: Mit Telefonketten, Begleitung bei Arztbesuchen und Einkäufen oder in der Demenzbegleitung. Dabei wird deutlich: Die alten Nachbarschaftsregeln der Dörfer hatten ihren Sinn. „Wir schauen einander nicht in die Töpfe“ und „wir laufen uns nicht die Tür ein“. Auch in Mehrfamilienhäusern haben Menschen Angst, sich tiefer einzulassen; es ist nicht einfach, sich rechtzeitig zurückzuziehen, wenn die freiwillige wechselseitige Hilfe zur Belastung wird, die Nähe zu dicht. „Immer dann, wenn wir die Hände vom Hörer, den Finger von der Klingel ziehen… Immer dann, wenn wir den Blick von einem Menschen abwenden, weil wir diesen Satz denken: Ach, ich möchte dir mit meinem Leid keine Last sein, ich möchte dir nicht zu nahe treten. Dann lächeln wir und sagen stattdessen: Mir geht es gut.“, schreibt Kübra Gümüsay.

Menschen brauchen Menschen

Ist es einfacher, sich Fremden gegenüber zu öffnen oder Menschen zu unterstützen, die ein paar Straßen weiter wohnen? Menschen brauchen Menschen – aber ein gutes Netzwerk mit überschaubaren Einsätzen will koordiniert werden. Das gehört zu den Aufgaben von Quartiersmanagern. „Es kann nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden, dass die Selbstorganisation von Bürgern und Bürgerinnen, etwa in der organisierten Nachbarschaftshilfe, aber auch in Seniorengenossenschaften und in Bürgervereinen ohne Hilfe „von außen“ auskommt“, heißt es im Siebten Altenbericht der Bundesregierung.

In Graz forscht Sabine Pleschberger über informelle außerfamiliale Hilfen im sozialen Nahraum und ihre Verknüpfung mit bedarfsorientierten und qualitätsgesicherten formalen Hilfen. Das laufende Projekt mit vielen qualitativen Interviews bestätigt offenbar, wie sehr auch sorgende Gemeinschaften auf professionelle Sorgestrukturen angewiesen sind.

Laut Allgemeiner Ortskrankenkasse fühlen sich 86 Prozent aller Deutschen in ihrem Wohnumfeld gut aufgehoben. Der Westdeutsche Rundfunk ermittelte 2017 für Nordrhein-Westfalen ähnliche Werte: Dort waren neunzig Prozent der Befragten mit ihren Nachbarn zufrieden. Mit gutem Grund – 94 Prozent der nordrhein-westfälischen Bürger nehmen für ihre Nachbarn gelegentlich Pakete an oder leihen ihnen Sachen. Immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Einkäufen, Handwerksdiensten, Kinderbetreuung. Und die wechselseitigen Unterstützungsleistungen verbessern die Lebensqualität aller Beteiligten.

Beim Europäischen Tag der Nachbarn stellten in meiner Umgebung in Hannover zwanzig Leute ein Straßenfest auf die Beine – um das gute Zusammenleben zu feiern. Eine Großfamilie, zwei alleinstehende Rentnerinnen, zwei ältere Paare und ein Witwer, einige mit russischem Akzent und einige aus Jordanien – und das Ehepaar Class. Als Günter nach einer Herz-OP Hilfe brauchte, waren sie da. Ganz ungefragt. Für Fahrten zum Arzt oder auch, um Getränkekisten aus dem Supermarkt mitzubringen. Das galt es jetzt zu feiern. Die Männer bauten Zelt und Biertische auf, eine Nachbarin machte Zaziki, eine andere Nudelsalat.

Solche Feste entstehen neuerdings auch über das Internet. Man kann sich anmelden bei www.nebenan.de und die eigenen Ideen einbringen. Oder auch nachfragen, wer zufällig zum Supermarkt fährt oder einen Bohrer verleihen kann. Mehr als 800 000 Nutzerinnen und Nutzer hat das virtuelle Nachbarschaftsnetz inzwischen.

Nachbarschaft ist keine Schicksalsgemeinschaft mehr; sie braucht das Engagement aller, Großzügigkeit wie Selbstverantwortung. Stephanie Quitterer nutzte ihre Elternzeit am Theater für ein ganz persönliches Projekt. Die „Prenzelberg-Mama“ im gentrifizierten Viertel voller Umbrüche hatte die Idee, ihre Nachbarn einfach mal kennenzulernen. Aber einfach war das natürlich nicht; Stephanie Quitterer ist schüchtern. So wettete sie gegen sich selbst: „200 Hausbesuche mit 200 selbstgebackenen Kuchen in 200 Tagen“.

Wie Verständnis für andere Menschen entsteht, wenn man einmal hinter die Fassaden blicken darf, darüber schrieb sie zunächst ein Blog und später ein Buch. Aber auch auf der Straße lassen sich Kontakte organisieren. Die Künstlerin Janni Feuser schickte 2016 im Wohngebiet Rheinbach-Irlenbusch in der Voreifel eine blumenverzierte Sitzgelegenheit auf Reisen, die jetzt so etwas wie der neue Dorfmittelpunkt ist: die „Bänk for better anderständing“. Jede Woche wird die Bank von einem Haushalt zum nächsten weitergegeben – als Einladung an alle, sich dort zu treffen und die Nachbarn besser kennenzulernen. Und in Witten hat eine Kirchengemeinde eine Kirchenbank auf den Marktplatz gestellt: Kirche als Bühne der Begegnung, wo auch zwischen Fremden Vertrauen und gute Nachbarschaft wächst.


 

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Cornelia Coenen-Marx

Cornelia Coenen-Marx  ist Oberkirchenrätin a. D.  Nach Eintritt in den Ruhestand machte sich Coenen-Marx 2015 mit dem Unternehmen „Seele und Sorge“ selbständig, um soziale und diakonische Organisationen sowie Gemeinden bei der Verwirklichung einer neuen Sorgeethik zu unterstützen.


 

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